Führungen zum Russenlager

Mitten im Rehburger Forst haben im Zweiten Weltkrieg viele sowjetische Kriegsgefangene ihr Leben gelassen. Im Arbeitskommando 5790, einem von tausenden Lagern, die die Nazis einrichteten. Seit einem Jahr recherchieren wir zu und graben wir an diesem Ort. Erstmals laden wir nun zu Führungen ein: Für Sonntag, 12. Juni, und Sonntag, 26. Juni, jeweils 15 Uhr.

 

 

 Eine unberührte Waldfläche haben wir vor einem Jahr vorgefunden. Wir mussten genau hinschauen, um unter Moos einen einzelnen Ziegelstein hervorlugen zu sehen. Nach einer Woche gemeinsamer Grabungen lag nicht nur dieser Ziegel frei: Der Grundriss eines kleinen Gebäudes, vermutlich der Lagerküche, lag offen vor uns. Seitdem haben wir an vielen Stellen an der Oberfläche des Waldbodens gekratzt und haben nahezu eintausend Funde eingesammelt von denen jeder ein Hinweis darauf ist, dass dieses Lager existiert hat. 

 Fensterglasscherben, Nägel und Schrauben verraten uns manches über die Lage der Gebäude, die dort tief im Wald errichtet wurden. Die Reste einer Kaffeekanne, eine verrostete Nivea-Dose und eine Maggi-Flasche zeigen uns, wo die Lagerwächter sich aufgehalten haben. Die Kopeke, die vor rund 80 Jahren verloren ging, ist eines der wenigen Zeugnisse von denen, die dort eingepfercht und zur Arbeit gezwungen wurden. Was haben die vielen Schuhe für Männer, Frauen und Kinder zu bedeuten, die der Waldboden nahezu konserviert hat? "Ein Schuster unter den Gefangenen, der den Rehburgern die Schuhe gerichtet hat", mutmaßt Gabriele Arndt-Sandrock, die die Führungen anbietet.

 

 Viele solcher Vermutungen haben wir angestellt, seit wir begonnen haben, im Arbeitskommando 5790 des Stalag XC Nienburg zu graben. Was hat es mit den vier riesigen Fundamenten auf sich, die bis in eine Tiefe von 1,70 Metern reichen? Ein Wachturm? Ein Funkturm? Oder einer, der dazu diente, Brände im Wald frühzeitig zu entdecken? Mit jedem Fund tauchen neue Fragen auf. „Eine Arbeit, die niemals beendet sein wird“, hat Kommunalarchäologe Daniel Lau zu uns gesagt. 

 Der Lösung einiger Rätsel haben wir uns in unserem Grabungsteam annähern können. Auch dadurch, dass wir während der Arbeit mit Spitzkelle, Bürste und Fingerspitzengefühl geredet und versucht haben, unsere Funde in Zusammenhang mit Archivunterlagen und Berichten von Zeitzeugen zu bringen. Und indem jeder und jede von uns sein ganz eigenes Wissen, seine eigenen Kompetenzen eingebracht hat.

 

 

Längst wissen wir, dass dieses Lager im November 1941 eingerichtet wurde, haben aber nichts über dessen Auflösung erfahren können. Wir wissen, dass ausschließlich sowjetische Gefangene dorthin kamen. Und dass die Verhältnisse in dem Lager derart menschenverachtend waren, dass allein im ersten Winter 25 Gefangene im Rehburger Forst starben. Von vielen kennen wir die Namen und würden gerne über jeden einzelnen von ihnen mehr erfahren. Die Hoffnung darauf, einige ihrer Familien ausfindig zu machen, hat sich für uns mit Beginn des Ukraine-Krieges aber leider auf unabsehbare Zeit zerschlagen. 

 Und was ist mit denjenigen, die diese Kriegsgefangenen bewachten und zur Arbeit antrieben? Auch zu diesen Fragen haben wir erste Erkenntnisse. Wer sie waren. Was sie getan haben. Blitzlichter, viele Fragezeichen, gelegentlich eine Auskunft von Rehburgern, die damals noch Kinder waren. Das ist unser Kenntnistand.

 

 Nach dem ersten Jahr unserer Grabungen und Recherchen laden wir nun zu Führungen in dieses Arbeitskommando 5790 ein. Anmeldungen für den 12. und den 26. Juni nehmen wir per E-Mail unter arbeitskreis@stolpersteine-rehburg-loccum.de an. Den Treffpunkt teilen wir allen mit, die sich mit ihren Kontaktdaten bei uns angemeldet haben. Teilnehmer stellen sich bitte auf einen Fußmarsch von rund zwei Kilometern über Waldwege bis zum Lager ein. 

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