„Das alles ist ja wirklich passiert!“

Arbeitskreis Stolpersteine eröffnet Lernort /
Überlebende Jüdin sieht eigene Geschichte an

Als Lernort hat der Arbeitskreis Stolpersteine Rehburg-Loccum eigene Räume im Gebäude des Rehburger „Raths-Kellers“ von der Stadt Rehburg-Loccum zur Verfügung gestellt bekommen. Zur Eröffnung ist die Geschichte der jüdischen Gemeinde des Ortes erzählt worden.

Selma (Christine Gleiss) und Jeanette (Serivan Bagari) treten ihren letzten Gang an – ins KZ Theresienstadt.
Selma (Christine Gleiss) und Jeanette (Serivan Bagari) treten ihren letzten Gang an – ins KZ Theresienstadt.

Dann herrschte Stille. Niemand unter den vielen Gästen mochte klatschen. Etliche Sekunden lang. Wie auch. Schließlich hatten sie alle eben miterlebt, wie die Juden Rehburgs einer nach dem anderen gegangen sind. Geflohen. Oder deportiert. Und ermordet. Mitten im Publikum hatten Jugendliche agiert, waren in die Rollen der Juden geschlüpft. So unbeschwert, wie viele von ihnen als Nachbarn in der Stadt noch zwischen die Gäste traten, so schwerfällig waren ihre Schritte beim Abgang – für die meisten von ihnen der Gang in den Tod.

Friedrich Holze spielt Violine – und die zahlreichen Besucher sind quasi ein Teil der Inszenierung, die mitten unter ihnen stattfindet.
Friedrich Holze spielt Violine – und die zahlreichen Besucher sind quasi ein Teil der Inszenierung, die mitten unter ihnen stattfindet.

Die Geschichte der jüdischen Gemeinde Rehburgs hat während dessen eine der Jüdinnen der Stadt erzählt: Selma Levy (Christine Gleiss), die 1872 dort geboren wurde. Erzählt hat sie die Geschichte vor dem Spiegel, der einmal in ihrem Eltern­haus in Rehburgs Müh­len­tor­straße stand und der nun in den Räumen steht, die wir künftig als Lernort nutzen wollen. Was der Spiegel in vielen Jahrzehnten gesehen haben mag, erzählte sie – von ihrer Geburt bis zu dem Moment, als sie einer anderen Rehburger Jüdin, Jeanette Löwenstein (Serivan Bagari), begegnete. Im Juli 1942. In einem Viehwaggon. Auf dem Weg in das KZ Theresienstadt.

Der letzte Weg der beiden Frauen dorthin wurde lediglich durch die Klänge einer einsamen Violine begleitet. Zurückgekommen sind die Juden Rehburgs danach symbolisch mit den lebensgroßen Schattenrissen, die sie darstellen und in die Gemeinschaft zurückholen sollen und die ein Teil der Ausstellung des Arbeitskreises sind. Danach herrschte Totenstille im Raum.

Tränen glitzern in den Augen von Paula Freundlich, als sie die Inszenierung zur Geschichte ihrer jüdischen Gemeinde mitansieht.
Tränen glitzern in den Augen von Paula Freundlich, als sie die Inszenierung zur Geschichte ihrer jüdischen Gemeinde mitansieht.

Eine derjenigen, die das mitansahen, begegnete in dem Schauspiel sich selbst. Inmitten der Gäste saß Paula Calder, geborene Freundlich. Im Alter von 92 Jahren mit etlichen Kindern und Enkeln aus England angereist und einzige Überlebende einer achtköpfigen jüdischen Familie aus Bad Rehburg. „Das alles ist ja wirklich genauso passiert!“, sagte sie kurz darauf.

 

Diejenigen, denen Paula Calder in der Inszenierung begegnete, hat sie als Kind alle gekannt. Umso wichtiger war es ihr, an diesem Tag in Rehburg zu sein. Die Silhouette von Paula Freundlich als 13-jähriges Mädchen, das 1939 nach Bad Rehburg flieht, steht nun vor dem Rehburger Raths-Keller und winkt den Vorübergehenden mit dem Koffer in der Hand zu.

Verzweifelt ist das Geschwisterpaar Emmy (Juana Darlath) und Max (Lennard Biller) nach den Erlebnissen der Pogromnacht in Rehburg.
Verzweifelt ist das Geschwisterpaar Emmy (Juana Darlath) und Max (Lennard Biller) nach den Erlebnissen der Pogromnacht in Rehburg.

Dort, in den Räumen, in denen die Stadtbücherei bis vor wenigen Monaten ihr Domizil hatte, nimmt der Arbeitskreis Stolpersteine nun das, was den Juden der Stadt an unfassbarem Leid zugefügt wurde, als Ausgangspunkt für seinen Lernort – Besucher sollen viel über diese Geschichte erfahren, sollen zum Nachdenken angeregt werden und reflektieren, um für das Heute und die Zukunft solches und ähnliches Leid nicht wieder zuzulassen.

 

Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne zielte in seinem Grußwort genau darauf ab – er erwarte einen „Aufstand der Anständigen“, die sich gegen das wehren würden, was heutzutage mehr und mehr an gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit bis weit in die Mitte der Gesellschaft wieder verbreitet sei.

Einen „Aufstand der Anständigen“ erwarte er, sagt Grant Hendrik Tonne.
Einen „Aufstand der Anständigen“ erwarte er, sagt Grant Hendrik Tonne.

Nienburgs Landrat Detlev Kohlmeier ging in ähnliche Richtung und sicherte zusätzlich in seiner Funktion als Vorsitzender des Landschaftsverbandes Weser-Hunte dem Arbeitskreis weiterhin seine Unterstützung zu.

 

Der Landschaftsverband ist einer der Sponsoren, die es ermöglicht haben, dass der Lernort eingerichtet werden konnte. Weitere Förderer sind die Bürgerstiftung im Landkreis Nienburg, die Werner-Ehrich-Stiftung, die Rosemarie und Dieter Isensee-Stiftung, die Lions-Clubs Stolzenau und Hannover-Calenberg, der Rotary-Club Rehburg-Loccum am Kloster sowie die Volksbank und die Sparkasse Nienburg.

Neun Stiftungen, Clubs und Institutionen haben den Arbeitskreis finanziell unterstützt – damit die Räume im Raths-Keller ein Lernort werden konnten.
Neun Stiftungen, Clubs und Institutionen haben den Arbeitskreis finanziell unterstützt – damit die Räume im Raths-Keller ein Lernort werden konnten.

Anbieten werden wir Seminar­ein­heiten für Schulklassen und andere Gruppen von Jugend­lichen und zudem für Gruppen Führungen durch unsere Ausstellung, über den jüdischen Friedhof des Ortes und entlang der Stolper­steine in Rehburg. Inter­es­sierte können weitere Informationen unter der Telefon­nummer (0 50 37) 13 89 bekommen.

Bildergalarie zur Eröffnung der eigenen Räumlichkeiten

Einladung zur Eröffnung:

Wir werden sesshaft!

Lernort zur jüdischen Geschichte Rehburgs wird eröffnet

Der Arbeitskreis Stolpersteine Rehburg-Loccum wird sesshaft! Für Sonntag, 6. Mai, 13.30 Uhr, laden wir ein zur Eröffnung unserer neuen Räume im Obergeschoss des Rehburger „Raths-Kellers“. Rund um unsere Ausstellung „Sie waren Nachbarn – geflüchtet, deportiert, ermordet“ werden wir dort allerhand anbieten.

Die Eingangstür zum Bürgersaal des „Raths-Kellers“ klappert oft in diesen Tagen. Schrauben, anstreichen, putzen und einrichten stehen auf der Tagesordnung und dafür greifen wir auf ein großes Team mit vielen Kompetenzen zurück. Dieses Team ist auch in den Monaten zuvor schon rege gewesen und hat sich auf den Einzug eingestimmt: Pädagogen haben ein Konzept für Schulungen erarbeitet, Video-Clips sind zusammengestellt, die 2014 erarbeitete Ausstellung ergänzt worden, es gab Besuche im Tonstudio und erste Proben für eine Inszenierung, die zur Eröffnung am 6. Mai aufgeführt werden soll.


Diese Inszenierung mit dem Titel „Selmas Spiegel“ befasst sich mit der Geschichte der jüdischen Gemeinde Rehburg – wie unsere Ausstellung „Sie waren Nachbarn“ auch. Der titelgebende Spiegel gehörte einst der aus Rehburg stammenden Jüdin Selma Levy. Sie wurde in Warschau ermordet – ihr Spiegel aber blieb in ihrem Heimatort. Gemeinsam mit einer Theaterpädagogin werden nun Jugendliche das Stück zur Eröffnung aufführen und zwar inmitten der Ausstellung und unserer Gäste.

Jugendliche einbeziehen und sie mit der Geschichte der Juden Rehburgs vertraut machen ist auch ein Ansatz unseres pädagogischen Konzepts. Schulklassen, Konfirmanden-Gruppen und andere Gruppen von Jugendlichen haben sich bereits für die folgenden Monate angemeldet, um anhand von Biografie-Erkundungen einen Zugang zu jenem Teil der Geschichte zu bekommen, die sich in ihrer Nachbarschaft zugetragen hat. Mit der Ausstellung als Grundlage werden sie beispielsweise gebeten, sich in die 13-jährige Jüdin Paula Freundlich hineinzuversetzen, die 1939 ohne ihre Familie nach England floh, oder auch ein Gespräch stellvertretend für Nachfahren von Juden führen, die in heutiger Zeit Rehburg besuchen. Welche Fragen haben sie? Welche Gefühle? Unseren Lernort fassen wir dabei weit über die Grenzen des „Raths-Kellers“ hinaus – stets werden wir die Jugendlichen auffordern, auch zu den Stolpersteinen vor den ehemaligen Wohnhäusern der Juden zu gehen.  

Führungen durch die Ausstellung, über den jüdischen Friedhof und zu den Stolpersteinen bieten wir darüber hinaus an, erarbeiten aber auch ein kleines Kulturprogramm, zu dem wir gelegentlich einladen werden. Ein Vortrag über die jiddische Sprache von Dr. Jens Gundlach am Mittwoch, 13. Juni, 19.30 Uhr, wird dabei den Anfang machen.
 
Möglich wird die Umsetzung unserer Ideen durch Rat und Verwaltung Rehburg-Loccums, die uns die Räume zur Verfügung stellen. Für die finanzielle Ausstattung sorgen der Landschaftsverband Weser-Hunte, die Bürgerstiftung im Landkreis Nienburg, die Werner-Ehrich-Stiftung, die Rosemarie und Dieter Isensee-Stiftung, die Lions-Clubs Stolzenau und Hannover-Calenberg, der Rotary-Club Rehburg-Loccum am Kloster sowie die Volksbank und die Sparkasse Nienburg. Ihnen allen, wie auch den zahlreichen Unterstützern, die uns mit Rat und Tat zur Seite stehen, danken wir sehr.

Zur Eröffnung am Sonntag, 6. Mai, 13.30 Uhr, freuen wir uns über jeden Besucher, bitten aber darum, bis spätestens 13.50 Uhr zu erscheinen. Dann werden die Türen zunächst für die Aufführung der Inszenierung geschlossen und erst nach deren Ende gegen 14.25 Uhr wieder geöffnet.
Nach der Aufführung können Gäste sich die Ausstellung ansehen, das pädagogische Konzept erläutern lassen oder selbst ausprobieren und mit uns ins Gespräch kommen. Weitere Informationen können telefonisch unter (0 50 37) 13 89 erfragt werden. Dort werden auch Anfragen für Buchungen von Gruppen für die diversen Angebote entgegengenommen.

Nachbarn - Flyer.pdf
Adobe Acrobat Dokument 488.6 KB

Bildergalerie zu den neuen Ausstellungsräumen

Hier bekommen Sie erste Eindrücke von unseren neuen Räumen und dem, was wir vorbereiten.

     Heidtorstraße 1
     31547 Rehburg-Loccum

Suchen

Kontakt

Sie haben Fragen? Sie haben Interesse? Sie wollen mitmachen? Wir freuen uns immer über Ihre Meinung!

 

Unsere E-Mail-Adresse: arbeitskreis@stolpersteine-rehburg-loccum.de

Weitere Tipps

Alte Synagoge Petershagen

Die Arbeitsgemeinschaft Alte Synagoge Petershagen bietet zahlreiche Veranstaltungen an, die sich mit der Spuren­suche, der Erinnerung und der Aufarbeitung der NS-Zeit beschäftigen:
www.synagoge-petershagen.de
und www.facebook.com/
synagoge.petershagen

Ehem. Synagoge Stadthagen

Auch der Förderverein der  ehemaligen Synagoge in Stadthagen bietet Veranstaltungen rund um die Verlegung von Stolpersteinen an:
www.stadthagen-synagoge.de