Von „lebensunwertem Leben“

Euthanasie-Verbrechen im Zentrum einer Lesung am 12. März 2019

Applaus gibt es für die Akteure, als sie mit weißen Rosen noch einmal vor das Publikum treten.
Applaus gibt es für die Akteure, als sie mit weißen Rosen noch einmal vor das Publikum treten.

70.000 Menschen mit körperlichen, geistigen und psychischen Beeinträch­ti­gungen haben die National­sozia­listen mit ihrer „Aktion T4“ ermordet, weitaus mehr noch durch gezielte Unter­ernährung und andere Torturen um ihr Leben gebracht. Das System, mit dem dieses ermöglicht wurde, haben Schüler mit einer Lesung bei unserem Arbeitskreis vorgestellt.

 

Viele Beteiligte brauchte das grausame System, das die Nazis unter der Bezeichnung „Euthanasie“ – also „guter Tod“ – inszenierten. Gesetze und Verordnungen mussten erlassen werden, Ärzte und Pfleger über Leben oder Tod entscheiden, Gaskammern gebaut, Krematorien betrieben werden. Und im Nachgang gab es „Trostbriefe“ für die Hinterbliebenen.

 

Ida Zielinski, Annabell Walter, Christof Meier und Yvonne von Weyhe lesen Texte zur Geschichte der „Euthanasie“-Verbrechen der Nationalsozialisten.
Ida Zielinski, Annabell Walter, Christof Meier und Yvonne von Weyhe lesen Texte zur Geschichte der „Euthanasie“-Verbrechen der Nationalsozialisten.

Von all jenen, die die 100.000fachen Morde möglich machten, und denen, die dann, wenn sie nicht produktiv genug, wenn sie keine „gesunden Volks­genos­sen“ waren, und somit nicht nur als ent­behr­lich, sondern als „le­bens­unwert“ an­ge­sehen wurden, ist in der Lesung erzählt worden. Von den Opfern und von den Tätern haben Annabell Walter, Ida Zielinski, Yvonne von Weyhe und Christof Meier Seite um Seite gelesen, hat Florian Schwarz die mutige Predigt des Bischofs von Galen vorgetragen, nach der 1941 die „Aktion T4“ beendet wurde, und hat Michael Las Casas die Lesung mit klagenden Violinen-Tönen untermalt, während Martina Olbrich Regie führte.


Dem Schlusswort von Annabell Walter „Wir stehen fassungslos vor den ‚Euthanasie‘-Verbrechen der Nationalsozialisten und kämpfen gegen das Vergessen“ ließ das Publikum Schweigen folgen – um zu applaudieren, als das Team mit weißen Rosen in den Händen noch einmal auf die Bühne trat.

 

Einladung zur Lesung:

„Angekreuzt und aussortiert“

Jugendliche lesen Texte zur „Euthanasie“ in der NS-Zeit am 12. März 2019

Eine szenische Lesung zum „Euthanasie“-Programm der Nazis mit dem Titel „Angekreuzt und aussortiert“ gestalten Jugendliche am Dienstag, 12. März 2019, 19.30 Uhr, in unserer Geschichtswerkstatt im Obergeschoss des Rehburger „Raths-Kellers“.

„Wollen Sie auch etwas über die anderen wissen?“ – Als unser Arbeitskreis 2014 mit den Recherchen zu den Opfern des Nationalsozialismus in Rehburg-Loccum begann, stellte eine ältere Einwohnerin diese Frage. Damals waren wir auf Spurensuche nach den Juden, die einst hier gelebt hatten. Und dann kam die Frage nach den „Anderen“.

Menschen mit geistigen oder körperlichen Behinderungen, mit Defiziten und auch psychischen Erkrankungen meinte die Frau und erzählte von einem Mädchen, das damals, als sie noch jung war und die Nazis regierten, oft an der Straße vor ihrem Elternhaus in Bad Rehburg stand und allen Menschen zuwinkte. Geistig beeinträchtigt sei das Mädchen wohl gewesen – und eines Tages einfach verschwunden.

So begann unsere Spurensuche nach Menschen, die heute als „Euthanasie“-Opfer bezeichnet werden. Nach solchen, die in die Psychiatrien oder „Kinderheilanstalten“ eingewiesen und systematisch getötet wurden. Und auch eine Spurensuche nach den Tätern.


Mittlerweile liegt ein Stolperstein für ein solches „Euthanasie“-Opfer in der Mardorfer Straße in Rehburg – und in 2019 werden wir einen weiteren Stein verlegen lassen: In Bad Rehburg für Erich Busack, der über die Heil- und Pflegeanstalt Wunstorf in eine der Tötungsanstalten der Nazis geschickt wurde.

Im Vorfeld dieser Stolperstein-Verlegung bieten wir einige Veranstaltungen an, die sich mit dem auseinandersetzen, was als „Euthanasie“-Programm der Nazis bekannt ist und haben vier Jugendliche gefunden, die sich mit diesem Teil der Geschichte auseinandersetzen und eine szenische Lesung dazu gestalten.

Lebensgeschichten von Opfern und auch von Tätern stellen die Jugendlichen in der Lesung vor. Sie machen einzelne Schicksale wie auch die perfiden Pläne der Nazis deutlich, die zur Ermordung von geschätzten 300.000 Menschen aus Gründen der „Rassehygiene“ führten - die von dem System „angekreuzt und aussortiert“ wurden. Das Kreuz, das die Gutachter des „Euthanasie“-Programms hinter die Namen der Menschen machten, kam einem Todesurteil gleich.

Martina Olbrich, Lehrerin am Gymnasium Stolzenau, hat die Texte zusammengestellt und führt Regie – wie schon in 2015, als wir diese Lesung zuerst aufführten. Musikalisch werden die Jugendlichen von Michael Las Casas dos Santos unterstützt, und die Rolle des Predigers in der Lesung übernimmt Pastor Florian Schwarz. Der Eintritt zu der Lesung ist frei.

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