Toljas Pforte

Toljas Pforte - Rückblick auf einen bewegenden Tag

Die Pforte aus dem Haus seines Vaters hat Gerd A. Meyer mitgebracht - ein Schatz, den er sorgsam hütet.
Die Pforte aus dem Haus seines Vaters hat Gerd A. Meyer mitgebracht - ein Schatz, den er sorgsam hütet.

Von der langwierigen Suche nach seinem russischen Vater berichtet Gerd A. Meyer in der IGS Nienburg und für den Arbeitskreis Stolpersteine Rehburg-Loccum. Seit 2009 erinnert auf einem der Massengräber des Kriegsgefangenenfriedhofs in Sandbostel bei Bremervörde ein schlichtes Holzkreuz an Anatolij Michailowitsch Pokrowskij. Bis zur Befreiung am 29. April 1945 durchliefen mehrere hunderttausend Gefangene aus der ganzen Welt das Mannschafts-Stammlager (Stalag); darunter etwa 70.000 sowjetische Soldaten. Ihre Behandlung war völkerrechtlich geregelt, doch waren Verstöße insbesondere bei sowjetischen Gefangenen an der Tagesordnung.

 

Gerd Meyer wurde im November 1945 im Dorf Haaßel im heutigen Kreis Rotenburg geboren. Wer sein Vater war, das blieb in seiner Kindheit immer ein Tabu, viele Gerüchte kursierten um seine unverheiratet gebliebene Mutter. Erst als Abiturient drängte Gerd seine Mutter, die zögernd erzählt, dass sein Vater als Kriegsgefangener auf dem großelterlichen Hof gearbeitet habe, Anatolij geheißen habe und vermutlich im Lazarett verstorben war. Aus heutigen Recherchen weiß Gerd Meyer, dass sich sein damals 21-jähriger Vater mit Hoffnung auf bessere Verpflegung zur landwirtschaftlichen Hilfe bei Familie Meyer gemeldet hatte. Tagsüber arbeitete er auf dem Hof, abends musste er in die Baracken des Lagers zurück. Am 15. März 1945 erfuhr man auf dem Hof vom plötzlichen Tod. Von der ungewollten Schwangerschaft und der heimlichen Beziehung zwischen ihm und der jungen Bauerstochter wusste da noch niemand. Als die Schwangerschaft der jungen Frau offensichtlich wurde, hatten die Briten das Lager befreit und im Dorf und in der Familie wurde über den unbekannten Vater geschwiegen – wie sicher in so vielen Familien nach dem Zweiten Weltkrieg.

 

  Erst als Gerd Meyer selbst erwachsene Kinder hatte, beschloss er mit ihrer Hilfe, den wenigen Hinweisen und der eigenen Geschichte nachzugehen. Es folgte eine akribische Spurensuche. Nach über 50 Jahren erzählt ihm seine Mutter die Geschichte dieser kurzen Beziehung; Meyer berichtet uns von ersten zwiespältigen Gefühlen („mein Vater- ein Russe?“), aber auch von Unruhe und Neugier. So reist er 2002 über eine Schulpartnerschaft erstmals nach Russland, um erste Wurzeln zu suchen. Nur mit den Hinweisen auf den Vornamen und ein mögliches Sterbedatum fährt Gerd Meyer 2009 nach Dresden in das sächsische Gedenkstättenarchiv und entdeckt am Ende per Zufall die rote Karteikarte mit den wenigen Daten des Vaters als Kriegsgefangener in Sandbostel.  

  Nach erster Freude kamen auch hier Fragen: Würde es noch Verwandte geben? Würden sie ihn treffen wollen – eine Familie, die selbst Angehörige im Krieg gegen Deutschland verloren hatte? Die Gedanken und Gefühle überschlugen sich! Über weitreichende Kontakte kann Gerd Meyer dann aber seine russische Familie ausfindig machen! Anfang 2010 reist er mit den Töchtern nach Semettschino (südöstlich von Moskau), trifft die 80-jährige Schwester seines Vaters sowie weitere Verwandte. Ihm ist fast unheimlich zumute, als die Cousine mehrfach feststellt: „Du gehst wie Opa, du bewegst dich wie er!“. Er musste erst 65 Jahre alt werden, bis er diese Worte hörte.

 

  Von seiner Tante ließ er sich alte Fotos zeigen und von seinem sportlichen, gut aussehenden und beliebten Vater erzählen. Er sieht das erste Foto seines Vaters, einer der wie Millionen andere, noch eine Zukunft vor sich hatte! Er erkannte sich in seinen Gesichtszügen wieder: „Mit meiner Geburt lebt er weiter!“

  Diese bewegende und persönliche Geschichte, begleitet durch Fotos und Textauszügen seines später verfassten Buches, erzählt Gerd A. Meyer (das A. steht heute nach russischer Art für den Zweitnamen Anatoljewitsch – Sohn des Anatolij) dem 13. Jahrgang der IGS. Er hält fest: „Die Generation meiner Eltern ist um ihre Zukunft betrogen worden!“  Und dann ist dort trotzdem Leben entstanden, das es nach den Willen der Nazis gar nicht hätte geben dürfen. Gerd A. Meyer versteht sich als Mittler zwischen den ehemaligen Kriegsgegnern und sinniert offen darüber, ob umgekehrt von deutscher Seite die Gastfreundschaft ähnlich herzlich verlaufen wäre. Heute hängen in seinem Wohnzimmer Familienfotos sowie ein mitgebrachter Türgriff, den er vom Wohnhaus seiner russischen Familie mitgebracht hat; diese „Pforte“ haben neben seinem Vater weitere Familienangehörige in den Händen gehalten. Er zeigt diese im Original auf der abendlichen Lesung in der Romantik in Bad Rehburg und nennt sie liebevoll „Toljas Pforte“. Diese Pforte ist sein persönlicher Schatz!  

  Mitglieder des Arbeitskreises Stolpersteine Rehburg-Loccum hatten nach einem Besuch in Sandbostel die Idee, Gerd A. Meyer nach Rehburg-Loccum einzuladen, denn am 3. November 1941, vor genau 80 Jahren, begann auch die Geschichte des Arbeitslagers im Rehburger Forst: Allein 44 der 114 sowjetischen Kriegsgefangenen starben dort im ersten Winter. Der Arbeitskreis hat mit Forschungen zu diesem Lager begonnen. Eine Besucherin des Abends bedankte sich gerührt bei Gerd A. Meyer für die bewegende Geschichte, die sicher stellvertretend für viele steht.

  Die Integrierte Gesamtschule wird sich mit dem Gedenken auch an das in Nienburg befindliche Stalags XC befassen. Die Geschichte Gerd Meyers zeigt, wie wichtig Erinnerung und Gedenken auch für zukünftige Generationen bleibt! Eine Schülerin des 13. Jahrgangs schloss die Veranstaltung am Vormittag an der IGS mit der vorsichtigen Nachfrage: „Herr Meyer, wie geht es Ihnen heute mit dieser Lebensgeschichte?“

 

  Der 76-jährige Gerd A. Meyer antwortet sehr leise aber nachdrücklich: „Das alles hat mein Leben verändert - Ich fühle mich komplett – ja, erst jetzt fühle ich mich wirklich komplett!“

Sonja Merkert

 

Gerd A. Meyer auf den Spuren seines russischen Vaters

Das „A“ in seinem Namen trägt Gerd A. Meyer noch nicht lange. Es steht für Anatoljewitsch – Sohn des Anatolij. Als Sohn des Anatolij fühlt er sich, seitdem er die Familie seines Vaters kennenlernte.

 

Des Vaters, der aus Russland stammte und der im Zweiten Weltkrieg von den Deutschen gefangen genommen wurde. Der als russischer Kriegsgefangener auf einem Bauernhof arbeitete und dort Gerd Meyers Mutter kennenlernte. Eine Liebesgeschichte, deren Ergebnis der kleine Gerd war.

 

Eine tragische Geschichte, weil Anatolij noch vor der Geburt seines Sohnes starb. Und eine, in der Gerd Meyer 60 Jahre alt werden musste, um seinem Vater auf die Spur kommen zu können.

Lassen Sie sich von Gerd A. Meyer seine Geschichte erzählen. Bis hin zu dem Moment, als er in Russland die Klinke der Pforte zum Garten seines Vaters geschenkt bekam. Und darüber hinaus.

 

Wir laden zu diesem Abend mit Gerd A. Meyer an einem für unsere Stadt historischen Datum ein: Am 3. November 1941, also vor genau 80 Jahren, kamen die ersten 48 russischen Gefangenen im Arbeitskommando 5790 an. Ein Lager mitten im Rehburger Forst, in dem viele von ihnen bald darauf starben und in das in den folgenden Jahren Hunderte weitere sowjetische Gefangene kamen.

Seit Jahresbeginn recherchieren wir zu diesem Lager, tauchen in Archive ein, befragen Zeitzeugen und graben im Rehburger Forst. Um den Menschen, die dort gelitten haben, auf die Spur zu kommen.

 

Melden Sie sich bitte bei uns an. Bevorzugt per E-Mail an arbeitskreis@stolpersteine-rehburg-loccum.de oder telefonisch unter (0174) 913 95 98.

Anzugeben sind Vor- und Zuname, Anschrift, Telefon sowie E-Mail von sämtlichen Teilnehmern.

 

Der Eintritt ist frei.

 

Mittwoch, 3. November 2021, 19.30 Uhr

 Romantik Bad Rehburg

 

Friedrich-Stolberg-Allee 4

31547 Rehburg-Loccum

OT Bad Rehburg

Heidtorstraße 1
31547 Rehburg-Loccum

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