„Die Anzeichen erkennen“

Loccumer Oberschüler gestalten Bußtags-Gottesdienst

„Damit wir nicht dieselben Fehler noch einmal machen und damit wir die Anzeichen erkennen.“ Das sei der Grund, weshalb der Schul-Gottesdienst zum Buß- und Bettag in der Loccumer Klosterkirche sich in diesem Jahr, nachdem sich die Pogromnacht vom 9. November 1938 wenige Tage zuvor zum 80. Mal gejährt hatte, der Geschichte der jüdischen Gemeinde Rehburgs angenommen habe, sagte Loccums Pastorin Corinna Diestelkamp.

Kirchengemeinde, die Loccumer Oberschule und unser Arbeitskreis haben kooperiert, um diesen Gottesdienst – und einen weiteren am Abend mit rund 150 Besuchern – auszurichten. 15 Schüler der OBS hatten sich intensiv darauf vorbereitet. Wochen zuvor waren einige von ihnen bereits gemeinsam mit Stiftskantor Michael Merkel in Chorproben eingestiegen. Die gesamte Gruppe kam zu einem Vormittag mit Biografie-Erkundungen der Juden in unsere Geschichtswerkstatt. Und am Tag vor den Gottesdiensten stand für die alle Schüler ein aufreibendes Programm auf dem Plan. In Gemeindehaus und Klosterkirche setzten sie sich mit Fürbitten auseinander, erarbeiteten Texte, in denen es um Ausgrenzung heute ging, und den Aufruf dazu, dagegen vorzugehen. Das alles geschah vor dem Hintergrund der Ereignisse aus der NS-Zeit in ihrer eigenen Stadt, denn ebenfalls eingebettet in den Gottesdienst sollte ein Schauspiel sein, das unser Arbeitskreis entwickelt hatte.

 

In „Selmas Spiegel“ erzählt eine Jüdin aus Rehburg, wie das Leben für die Juden in ihrer kleinen Stadt war. Von der guten Nachbarschaft, von den stadtbildprägenden Gebäuden der Baumeister Meßwarb, von dem Alltag, in dem sich eigentlich kein Unterschied zwischen Juden und Christen zeigte und in dem gute Nachbarschaft gepflegt wurde – bis die Nazis an die Herrschaft kamen. Während Schauspielerin Christine Gleiss als Selma diese Geschichte erzählte, stiegen nach und nach Schüler als Juden Rehburgs auf die Bühne: Jakob Löwenstein genussvoll mit der für ihn typischen Zigarre in der Hand. Die Geschwister Max und Emmy, um auf der Bank vor ihrem Haus den Tag ruhig ausklingen zu lassen. Weitere, die ihrem Tagesgeschäft nachgingen.
 

Nach und nach stiegen alle diese die Stufen wieder herab. Mit dem Fortschreiten der Nazi-Herrschaft war nicht nur kein Platz mehr für sie – nahezu alle diese Rehburger wurden in Konzentrationslager gebracht und ermordet. Zum Ende, als die letzten Töne einer klagenden Violine erklangen, nahmen sich andere Schüler der Erinnerung an, trugen die Schattenrisse dieser Opfer wieder auf die Bühne - und Stille herrschte im Kirchenraum.

Einladung zum Gottesdienst

„Was erinnert noch an uns?“

Geschichte der jüdischen Gemeinde Rehburg im Bußtags-Gottesdienst

Die Geschichte der jüdischen Gemeinde Rehburg, als Schauspiel und mit Jugendlichen inszeniert, steht im Mittelpunkt des Gottesdienstes zum Buß- und Bettag, Mittwoch, 21. November, 19.30 Uhr, in der Loccumer Klosterkirche.

Selma Levy (Christine Gleiss, links) erzählt die Geschichte der jüdischen Gemeinde Rehburg – in den Gottesdiensten zum Buß- und Bettag gemeinsam mit Schülern aus der Loccumer Oberschule.
Selma Levy (Christine Gleiss, links) erzählt die Geschichte der jüdischen Gemeinde Rehburg – in den Gottesdiensten zum Buß- und Bettag gemeinsam mit Schülern aus der Loccumer Oberschule.

Damals, als in Rehburg noch alle gute Nachbarn waren - die Christen und die Juden - zu jener Zeit beginnt die Erzählung und berichtet weiter von dem schleichenden Prozess, der in der NS-Zeit zu Diskriminierung, Übergriffen, im günstigsten Fall der Flucht, in vielen Fällen aber auch der Ermordung der Juden aus der Rehburger Gemeinde führte. Selma Levy (Christine Gleiss), 1872 in Rehburg geborene Jüdin, erinnert sich beim Anblick des Spiegels, der bereits bei ihrer Geburt in ihrem Elternhaus stand, an das, was den Juden in ihrem Heimatort widerfahren ist. Während sie erzählt, tauchen jene Juden schattengleich auf.

„Was erinnert noch an uns?“ ist die Frage, die Selma stellt – darüber nachzudenken, was damals in Rehburg und vielen, vielen anderen Orten Menschen angetan wurde, und dieses nicht zu vergessen, um daraus Lehren für das Heute zu ziehen, ist die Botschaft.

„Selmas Spiegel“ ist der Titel der Inszenierung. Uraufgeführt worden ist sie zur Eröffnung unserer Ausstellungsräume – im Mai dieses Jahres im Gebäude des Rehburger Raths-Kellers. Loccums Pastorin Corinna Diestelkamp trat daraufhin mit der Idee an uns heran, die Inszenierung vor dem Hintergrund der sich zum 80. Mal jährenden Pogromnacht in die Klosterkirche zu bringen.

Der Gottesdienst zum Buß- und Bettag wird nun eine Kooperation von Kirchengemeinde, Kloster, Arbeitskreis Stolpersteine und der Loccumer Oberschule, von der etliche Jugendliche in dem Stück als Juden Rehburgs auftreten werden. Für die Jahrgänge 8 bis 10 der Oberschule wird es einen gesonderten Gottesdienst am Vormittag des Buß- und Bettages geben, in dessen Mittelpunkt ebenfalls die Inszenierung stehen wird. Finanziell unterstützt wird die Inszenierung von den Rotary-Clubs Stolzenau und Rehburg-Loccum am Kloster.

     Heidtorstraße 1
     31547 Rehburg-Loccum

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Unsere E-Mail-Adresse: arbeitskreis@stolpersteine-rehburg-loccum.de

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Die Arbeitsgemeinschaft Alte Synagoge Petershagen bietet zahlreiche Veranstaltungen an, die sich mit der Spuren­suche, der Erinnerung und der Aufarbeitung der NS-Zeit beschäftigen:
www.synagoge-petershagen.de
und www.facebook.com/
synagoge.petershagen

Ehem. Synagoge Stadthagen

Auch der Förderverein der  ehemaligen Synagoge in Stadthagen bietet Veranstaltungen rund um die Verlegung von Stolpersteinen an:
www.stadthagen-synagoge.de