„Und dann sind wir zu Haus“

Berührende Lesung zu Fluchten von der NS-Zeit bis heute

Eine szenische Lesung mit Fluchtgeschichten seit der NS-Zeit haben Jugendliche am 9. Juni in einem Projekt des Arbeitskreises auf die Bühne des Bürgersaals im Rehburger „Raths-Keller“ gebracht. Beeindruckt und berührt haben sie mit ihrer Darstellung von sechs Fluchtgeschichten.

Nichts als einen Koffer nahm die 13-jährige Paula (Ülkü Kahraman) mit, als sie 1939 aus Nazi-Deutschland floh.
Nichts als einen Koffer nahm die 13-jährige Paula (Ülkü Kahraman) mit, als sie 1939 aus Nazi-Deutschland floh.

Wahre Geschichten haben die Jugendlichen auf die Bühne gebracht und zwar solche, die ihnen von Flücht­lingen erzählt wurden. Manche dieser Flücht­linge sind selbst dabei gewesen, haben im Rehburger Bürgersaal gesessen und die Insze­nie­rung ihrer eigenen Geschichte gesehen. Wie Ann­chen Heymer, Loccumerin, gebürtig in Pommern und 1946 von dort vertrieben. Oder Karim Iraki, Nienburger mit Wurzeln in Palästina, der 1985 seine Familie im Libanon verließ und nach Deutschland floh.

 Zwei Jahre dauerte die Flucht des Jungen Aman von Eritrea nach Deutschland.
Zwei Jahre dauerte die Flucht des Jungen Aman von Eritrea nach Deutschland.

Zuvor, als Patrick Pfeil und Alexander Kielmann an den Mikrofonen standen und davon erzählten, wie das Leben Irakis verlaufen ist, wie eine Nonne seine muslimische Familie rettete, wie er Kindersoldat wurde, in den Untergrund ging und schließlich keinen anderen Ausweg mehr sah, als die Flucht, mussten sie ihre ganze Konzentration aufbieten. Was sie dort vortrugen, hatte ihnen Iraki schließlich in langem Gespräch selbst erzählt. Ihre kurzen Seitenblicke auf ihn mit der stummen Frage „Werden wir deiner Geschichte gerecht?“ sprachen Bände von dem, was das Gespräch bei ihnen ausgelöst hatte.

Ähnlich wie diese beiden hatten sich auch die anderen Jugendlichen in „ihre“ Fluchtgeschichten vertieft, sich in ihre Rollen eingefühlt und so eine großartige, bewegende und berührende Aufführung zustande gebracht.

 

Sechs Leinwände deuteten zum Ende der Lesung auf sechs Schicksale hin und umfassten eine Zeitspanne von 77 Jahren. Angefangen bei der jüdischen Familie Hammerschlag, die 1938 aus Rehburg vor den Nazis floh, bis hin zu dem 14-jährigen Aman, der 2015 nach zweijähriger Flucht aus Eritrea im Landkreis Nienburg ankam.

Rosen als Dank für eine berührende Vorstellung – und Annchen Heymer, deren eigene Geschichte vorgetragen wurde, in der Mitte der Jugendlichen.
Rosen als Dank für eine berührende Vorstellung – und Annchen Heymer, deren eigene Geschichte vorgetragen wurde, in der Mitte der Jugendlichen.

Dass Flucht kein Phänomen ist, das erst im vergangenen Jahr begann, dass Flucht aus vielen Ländern und aus vielen stichhaltigen Gründen geschieht und für die Flüchtenden niemals eine einfache Entscheidung ist, und dass hinter jeder Flucht ein menschliches Schicksal steht, sind nur einige der Aspekte, die mit der Lesung deutlich wurden.

Annchen (Serivan Bagari) und ihr Bruder Jürgen (Alexander Kielmann) wurden 1946 aus Pommern vertrieben.
Annchen (Serivan Bagari) und ihr Bruder Jürgen (Alexander Kielmann) wurden 1946 aus Pommern vertrieben.

Insbesondere dem Publikum ihrer morgendlichen Lesung – 200 Schülern aus Schulen der Umgebung – verlangten die Akteure viel ab. Rund 90 Minuten aufmerksam zuzuhören, übersteigt eigentlich den Möglichkeiten der Aufmerksamkeit, die Schülern zugesprochen wird. Dass dennoch bis zur letzten Minute aufmerksam zugehört wurde, spricht dafür, wie fesselnd die Schilderungen waren. Das abendliche, erwachsene Publikum drückte seinen Eindruck mit rhythmischem, lang anhaltendem Applaus aus – nachgewirkt hat dort vermutlich auch der Schlussappell der Jugendlichen, die nach und nach an das Mikrofon traten und in sechs Sprachen einen Appell an ihre Zuschauer richteten:

Thie Thien Huong (Carolyn Dreesmann) floh als 16-Jährige aus Vietnam. Justin Rust erzählt ihre Geschichte.
Thie Thien Huong (Carolyn Dreesmann) floh als 16-Jährige aus Vietnam. Justin Rust erzählt ihre Geschichte.

in Hebräisch und Englisch, in Deutsch und Vietnamesisch, in Arabisch und auf Tigrynia: „Bitte, habt Geduld mit mir. Helft mir bitte, damit dieses Land mein Zuhause wird!“ Und auch der Refrain des Songs, den die Jugendlichen entwickelt haben, wird wohl noch nachhallen: „Irgendwann geht die Sonne auf. Irgendwann hört die Suche auf. Und dann sind wir zu Haus.“

Paula (Ülkü Kahraman) flieht 1939 aus Deutschland – Patrick Pfeil trägt die Telegramme vor, die sie nach der Flucht mit ihrer Familie austauschte.
Paula (Ülkü Kahraman) flieht 1939 aus Deutschland – Patrick Pfeil trägt die Telegramme vor, die sie nach der Flucht mit ihrer Familie austauschte.
Annchens Geschichte ihrer Vertreibung aus Pommern erzählen Serivan Bagari, Alexander Kielmann und Henrike Stahlhut.
Annchens Geschichte ihrer Vertreibung aus Pommern erzählen Serivan Bagari, Alexander Kielmann und Henrike Stahlhut.
Carolyn Dreesmann, Eduard Baum und Serivan Bagari inszenieren die Geschichte von Aman, der von Eritrea nach Deutschland flieht.
Carolyn Dreesmann, Eduard Baum und Serivan Bagari inszenieren die Geschichte von Aman, der von Eritrea nach Deutschland flieht.

Das Drehbuch zu der Lesung ist hier hinterlegt:

Drehbuch.pdf
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Die Veranstaltung wurde gefördert von:


„Sonst wären wir hier zu Hause“

Einladung: Szenische Lesung zu Flüchtlingen seit der NS-Zeit

Sechs Fluchtgeschichten bringen Jugendliche in einer szenischen Lesung des Arbeitskreises Stolpersteine Rehburg-Loccum am Donnerstag, 9. Juni, 19.00 Uhr, auf die Bühne des Rehburger „Raths-Kellers“. Allesamt sind es Schicksale aus der Region von Menschen, zu denen die Jugendlichen Kontakt haben – angefangen bei der jüdischen Familie Hammerschlag, die 1938 aus Rehburg floh, bis hin zu dem Jungen Aman aus Eritrea, der nach zweijähriger Flucht in 2015 in den Landkreis Nienburg kam.

Inszenieren Fluchtgeschichten von der NS-Zeit bis heute: Jugendliche beim Workshop des Arbeitskreises Stolpersteine Rehburg-Loccum
Inszenieren Fluchtgeschichten von der NS-Zeit bis heute: Jugendliche beim Workshop des Arbeitskreises Stolpersteine Rehburg-Loccum

„Sonst wären wir hier zu Hause“ – vor rund zehn Jahren stand Jose Hammerschlag auf dem jüdischen Friedhof in Rehburg, sah von dem Grabstein seines Urgroßvaters zu seinen Begleitern hoch und sagte diesen Satz. Zu Hause wäre er, der nun mit seiner Familie in Israel lebt, in diesem Rehburg, wenn die Hatz auf Juden in Deutschland nach der Machtergreifung durch die Nazis nicht gewesen wäre.

 

„Sonst wären wir hier zu Hause“ ist auch der Titel der Lesung. Geflohen oder vertrieben von zu Hause sind all jene, mit denen die Jugendlichen und weitere Mitglieder des Arbeitskreises gesprochen haben. Geflohen sind sie aus dem Deutschland der Nazi-Zeit, vertrieben aus Pommern, geflüchtet aus Palästina, Vietnam und Eritrea. Angekommen sind sie in Argentinien, Großbritannien und Deutschland. Manche Parallelen zeigen sich in den Schicksalen, jedes Schicksal ist dennoch einzigartig und berührend. Weshalb diese Menschen geflohen sind, was sie auf ihrer Flucht erlebten und wie sie angekommen und aufgenommen wurden – all das haben sie erzählt.

Song-Arbeit: Carolyn Dreesmann, Christine Gleiss und Patrick Pfeil schreiben ein Lied begleitend zu der Lesung.
Song-Arbeit: Carolyn Dreesmann, Christine Gleiss und Patrick Pfeil schreiben ein Lied begleitend zu der Lesung.

In der dritten Lesung dieser Art vom Arbeitskreis Stolpersteine – Texte aus Konzentrationslagern und die „Euthanasie“ der NS-Zeit waren die vorhergehenden Themen – steigen erneut neun Jugendliche auf die Bühne. Sie haben gemeinsam mit der The­ater­päda­gogin Christine Gleiss und der Schulpastorin Susanne von Stemm das Drehbuch entwickelt, die Lesung inszeniert und einige von ihnen haben einen eigenen Song zu den Flucht­ge­schichten geschrieben.

 

Ihre Lesung werden sie am 9. Juni gleich zweimal aufführen.

Eine Bibel im Arm, zusammengesunken auf einem Boot: eine der Fluchtgeschichten ist die eines Mädchens, das aus Vietnam nach Deutschland kam.
Eine Bibel im Arm, zusammengesunken auf einem Boot: eine der Fluchtgeschichten ist die eines Mädchens, das aus Vietnam nach Deutschland kam.

Die morgendliche Lesung für Schulklassen ist jedoch bereits komplett ausgebucht. Wer hören und sehen will, dass „Flucht“ etwas ist, was sich auch durch die Geschichte dieser Region zieht, kann die Vorstellung um 19 Uhr bei freiem Eintritt besuchen. Einige derjenigen, deren Geschichten Teil der Lesung sind, werden dann ebenfalls dabei sein.

 

Gruppen, die zu der abendlichen Lesung kommen möchten, werden gebeten, sich unter der Nummer 05037/1389 an­zu­melden. Gefördert wird die Veranstaltung durch die VGH-Stiftung, den Land­schafts­ver­band Weser-Hunte, drei regionale Ge­schäfts­stel­len der Volks­banken und durch die Stadt Rehburg-Loccum.

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Kontakt

Sie haben Fragen? Sie haben Interesse? Sie wollen mitmachen? Wir freuen uns immer über Ihre Meinung!

 

Unsere E-Mail-Adresse: arbeitskreis@stolpersteine-rehburg-loccum.de

Weitere Tipps

Alte Synagoge Petershagen

Die Arbeitsgemeinschaft Alte Synagoge Petershagen bietet zahlreiche Veranstaltungen an, die sich mit der Spuren­suche, der Erinnerung und der Aufarbeitung der NS-Zeit beschäftigen:
www.synagoge-petershagen.de
und www.facebook.com/
synagoge.petershagen

Ehem. Synagoge Stadthagen

Auch der Förderverein der  ehemaligen Synagoge in Stadthagen bietet Veranstaltungen rund um die Verlegung von Stolpersteinen an:
www.stadthagen-synagoge.de