Grete Busack, * 1919

15. Dezember 1941 ins Ghetto Riga deportiert
5. November 1943 ins KZ Auschwitz deportiert
Dort vermutlich sofort in die Gaskammer geführt
Todestag 5. November 1943, Auschwitz

Familie:

 

Die Jüdin Grete Ehrlich wurde als Grete Cohn am 14. November 1919 in Osnabrück geboren. Ihre Mutter war Else Cohn, später verheiratete Busack. Über Gretes Vater ist nichts bekannt. Sie war ein uneheliches Kind. Weshalb sie in Osnabrück geboren wurde, wissen wir nicht. Ihre Mutter Else stammte aus Windheim (Landkreis Minden) und hatte nach unserer Kenntnis mit Ausnahme des Zeitpunkts der Geburt von Grete keinerlei Verbindung zu Osnabrück. 


Grete heiratete im Mai 1940 in Hannover Alfred Ehrlich. Am 15. Dezember 1941 wurde Grete in das Ghetto Riga deportiert. Damals war sie bereits schwanger mit ihrem Sohn Gideon, der am 16. April 1942 im Ghetto geboren wurde.


Alfred Ehrlich stammte aus Preußisch Oldendorf, flüchtete vor den Nazis von dort nach Hannover und heiratete Grete Cohn. Alfred Ehrlich wurde irgendwann im Jahr 1941 ebenfalls nach Riga deportiert, kam später in das Konzentrationslager Bergen Belsen und gehörte dort zu den Überlebenden.

Am 5. November 1943, nach der Auflösung des Ghettos Riga, wurden Grete und Gideon nach Auschwitz deportiert. Es ist davon auszugehen, dass beide unmittelbar nach ihrer Ankunft dort in die Gaskammer geführt und ermordet wurden.

 

 

Erinnerungen und Schicksal:

 

Wo Grete Cohn ihre ersten Lebensjahre verbracht hat, wissen wir nicht. Womöglich lebte sie mit ihrer Mutter bei deren Eltern in Windheim. Als Gretes Mutter jedoch 1924 Erich Busack aus Bergkirchen (Landkreis Schaumburg) heiratete, zog Grete gemeinsam mit ihr dorthin.
In Bergkirchen lebte sie zunächst mit Mutter und Stiefvater in einem eigenen Haus. Aus wirtschaftlichen Gründen zog die Familie jedoch irgendwann in das Haus der Eltern Erich Busacks in Bergkirchen. In der Zwischenzeit war auch Gretes Halbschwester Herta Busack geboren worden.

In jener Zeit muss auch dieses Foto entstanden sein, das Grete gemeinsam mit Schulkameraden in Bergkirchen zeigt. Sie ist das Mädchen in der hinteren Reihe mit den dunklen Haaren. Wir vermuten, dass Grete zu diesem Zeitpunkt ungefähr neun Jahre alt war.

Von Erich, Else und Herta wissen wir, dass sie im August 1932 nach Hagenburg (Landkreis Schaumburg) zogen. Von Grete wissen wir lediglich, dass sie aus dem Haushalt dieser drei im April 1934 auszog mit Ziel „Rehburg Stadt“. Damals war Grete 15 Jahre alt. Wir vermuten, dass sie in den folgenden Jahren in Rehburg, womöglich auch an anderen Orten, als Haushaltsgehilfin gearbeitet hat.


Mit Datum vom 2. Februar 1939, wenige Monate nach der Pogromnacht, meldete sich Grete in Bad Rehburg an. Sie zog dort in das Haus der jüdischen Familie Freundlich, in der bereits ihre Mutter, Schwester und ihr Stiefvater lebten. Der Aufenthalt dort war allerdings kurz. Bereits zwei Wochen später meldete sie sich wieder ab mit Ziel Hannover, Richard-Wagner-Straße 20. In Hannover wollte sie eine Stelle als Kochlehrling im jüdischen Krankenhaus antreten, das sich dort im Zooviertel befand. Diesen Plan gab sie wiederum wenig später auf, da sie für die Lehre Geld bezahlen sollte. Sie suchte sich daraufhin Arbeit in einem hannoverschen Haushalt.


Irgendwann in jener Zeit muss sie ihren Mann Alfred Ehrlich kennengelernt haben, den sie 1940 in Hannover heiratete. Ihr Glück war nicht von langer Dauer. 1941 wurde Alfred zur Zwangsarbeit in das Lager Salaspils, südöstlich von Riga deportiert. Weniger später, am 15. Dezember 1941, wurde auch Grete deportiert – in das Ghetto Riga, wo sie ihren Sohn Gideon im April 1942 zur Welt brachte. Ihr Mann sah seinen Sohn und seine Frau erst am 16. August 1942 wieder, als er aus dem Lager ebenfalls in das Ghetto gebracht wurde.

 

Alfred Ehrlich war einer der wenigen Überlebenden und schrieb nach dem Krieg seine Erinnerungen an das Ghetto auf. Aus Alfred Ehrliche Erinnerungen „12 Jahre nazistische Schreckensjahre“:

  „Anfang Mai 1942 kam wieder ein solcher Transport aus Riga. Groß war meine Freude, als ein Bekannter mir Grüße und einige belegte Scheiben Brot von meiner Frau überbrachte und mir erzählte, dass meine Frau am 16. April einem Jungen das Leben geschenkt hätte und alles wohlauf wäre. Diese Nachricht hatte mich tief erschüttert und ich hatte mir nun noch mehr vorgenommen, dem Tod, der mir so nahe war, mit aller Energie zu trotzen.“

 

Im August 1942 wurden Zwangsarbeiter aus dem Lager Salaspils abgezogen und zum Ghetto Riga geschafft. Auch Alfred Ehrlich war unter ihnen:

  „Viele Frauen und Mütter waren bitter enttäuscht. Sie haben vergebens nach dem Mann oder Sohn Ausschau gehalten, er ruhte in Salaspils. Auch meine Frau war schon verzweifelt gewesen, da ich auf dem letzten Wagen war, aber bald darauf gab es ein rühriges Wiedersehen mit meiner Frau und Kind und meinen anderen Angehörigen. Mein Kind, welches ich noch nie gesehen hatte, war wohl meine größte Freude. Dieser Tag, an welchem ich meine Angehörigen wiederzusehen gewünscht hatte, war mein Geburtstag, der 16. August. Mein sehnlichster Wunsch war in Erfüllung gegangen.“

 

Alfred Ehrlich zum Ghetto Riga:

  „Das Ghetto, welches ein mit doppeltem Stacheldraht umsäumtes Stadtviertel war, war mit ca. 14.000 Juden belegt, davon ca. 8.000 deutsche, österreichische, tschechische Juden, welche den einen Teil des Ghettos bewohnten, und ca. 6.000 lettische Juden, welche den anderen Teil bewohnten.“

 

Und zur Auflösung des Ghettos Riga im November 1943:

  „Die restliche Auflösung des Ghettos war nun beschlossene Sache. Einer der aufregendsten Tage seit Bestehen des Ghettos war dann hierzu ein Tag Anfang November 1943. An diesem Tage mussten sämtliche Insassen des Ghettos an dem Kommandanten und seinem Gefolge in Einer-Reihen vorbeigehen. Ältere, schwache und kranke Leute wurden herausgesucht und gleichzeitig auf Lkw verladen. Frauen mit Kindern unter zehn Jahren waren auch für diesen Transport bestimmt. Eine ukrainische SS-Abteilung war dazu bestimmt, das gesamte Ghetto nach versteckten Leuten zu durchkämmen. Manch einen haben diese Rohlinge dann herangezerrt, auch einige, falls sie sich widersetzten, gleich in ihrer Wohnung erschossen. Auf dem Appellplatz war es an diesem Tage ein Gejammer und ein Elend, dieses zu beschreiben ist mir unmöglich. Hier standen Kinderwagen mit Kleinkindern oder es liefen dort schon größere Kinder herum, welche nach ihrer Mutter oder ihrem Vater riefen. Die Eltern dieser verlassenen Kinder waren aber teils morgens zur Arbeit gegangen oder sie waren schon in den Lkw verladen. Auch meine Frau mit unserem 1 1/2 -jährigen Gideon konnte ich vor diesem Transport ins Ungewisse nicht retten. Außerdem wurde uns von dem Adjutanten der Kommandanten mitgeteilt, dass dieser Transport weiter westlich verlagert würde, der Rest des Ghettos käme in den nächsten Tagen auch dorthin und wir kämen dann mit unseren Angehörigen wieder zusammen. Die Leute dieses Transports wären dort besser aufgehoben, als hier im Ghetto. Erst viel später haben wir dann erfahren, dass dieser Transport von ca. 2.000 Menschen nach Auschwitz gegangen ist. Das größte Vergasungslager aller Zeiten, in welchem Millionen Menschen umgebracht worden sind. Ich war froh, als uns gegen Abend mitgeteilt wurde, unser Dienst sei für heute zu Ende, wir könnten heimgehen. Nach diesem erschütternden Erlebnis war wohl jeder der Zurückgebliebenen, auch wenn er noch mit seinen Angehörigen zusammen war, so niedergeschlagen, dass der Schrecken sich noch in den entstellten Gesichtszügen widerspiegelte.“

 

Die Aufzeichnungen Alfred Ehrlich hat der Preußisch Oldendorfer Pfarrer Hans-Joachim Karrasch als Grundlage für eine Broschüre über das Schicksal der Familie Ehrlich genommen mit dem Titel „… dass dieses sich nie wiederholen mögen.“ In dieser Broschüre schreibt Karrasch unter dem Namen Grete Ehrlich:

„Das Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau von Danuta Czech gibt für den Transport von Riga nach Auschwitz an, dass von insgesamt 1.000 Menschen, die am 5. November 1943 in Auschwitz eintrafen, nur 30 Frauen zur Zwangsarbeit ausgewählt wurden. Üblicherweise wurden Frauen mit Kindern nicht zur Zwangsarbeit ausgewählt, sondern direkt nach ihrer Ankunft in den Gaskammern ermordet. Daher kann der Tod von Grete Ehrlich und ihrem Sohn Gideon Ehrlich im Vernichtungslager Auschwitz auf den 5. November 1943 datiert werden.“

 

Wer in Hannover das Mahnmal für die verfolgten Juden der Stadt besucht, kann auch Gretes Namen dort finden. Die eingemeißelten Worte für sie lauten: Ehrlich Gretchen, geb. Cohn, 22 J., deportiert am 15.12.1941 Riga. Auch der Name ihres Sohnes Gideon ist auf dem Mahnmal verzeichnet.

Die Akte im Staatsarchiv zu Grete Ehrlich konnten wir nicht einsehen. Sie hat eine Sperrfrist bis sich der Geburtstag von Grete zum 100. Mal jährt. Sobald sie freigegeben ist, werden wir versuchen, mehr über das Schicksal von Grete Cohn in Erfahrung zu bringen.

Quellen:

- Website www.juedisches-leben.kommunalarchiv-minden.de

- Broschüre über das Schicksal der Familie Ehrlich mit dem Titel „… dass dieses sich nie wiederholen möge -
  12 Jahre nazistische Schreckensjahre – Die Erinnerungen Alfred Ehrlichs“, Hans-Joachim Karrasch

- Melderegister Gemeinde Hagenburg

- Melderegister Gemeinde Bad Rehburg

- Zeitzeugen, hinterlassene Briefe

 

     Heidtorstraße 1
     31547 Rehburg-Loccum

Suchen

Kontakt

Sie haben Fragen? Sie haben Interesse? Sie wollen mitmachen? Wir freuen uns immer über Ihre Meinung!

 

Unsere E-Mail-Adresse: arbeitskreis@stolpersteine-rehburg-loccum.de

Weitere Tipps

Alte Synagoge Petershagen

Die Arbeitsgemeinschaft Alte Synagoge Petershagen bietet zahlreiche Veranstaltungen an, die sich mit der Spuren­suche, der Erinnerung und der Aufarbeitung der NS-Zeit beschäftigen:
www.synagoge-petershagen.de
und www.facebook.com/
synagoge.petershagen

Ehem. Synagoge Stadthagen

Auch der Förderverein der  ehemaligen Synagoge in Stadthagen bietet Veranstaltungen rund um die Verlegung von Stolpersteinen an:
www.stadthagen-synagoge.de