Kommando 5790 - 25 Tote im Winter 1941/42

Es muss eine der vielen Höllen gewesen sein, die die Nationalsozialisten geschaffen haben: Das Lager mit der Nummer 5790, das im November 1941 im Rehburger Forst für sowjetische Kriegsgefangene eingerichtet wurde. Unser Arbeitskreis  hat mit der Aufarbeitung der Geschichte dieses Lagers begonnen: 

 

„25 Gefangene sind allein in den ersten drei Monaten hier gestorben“, sagt Regina Brunschön und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Mit Handfeger und Kehrblech steht sie mitten im Wald. Dort, wo von 1941 bis 1945 das „Kommando 5790“ gewesen ist. Um sie herum wird gearbeitet. Mitglieder unseres Arbeitskreises fegen, graben, räumen beiseite. Den Grundriss eines kleinen Gebäudes haben wir innerhalb einer Woche freigelegt. Sieben mal vier Meter groß. Fundamente, Mauerreste, Kamine und Reste des Bodenbelags haben wir gefunden.

Der Zweck dieses Gebäudes? Noch unklar. Die Küche könne es gewesen sein, sagt Daniel Lau. Oder die Wachkammer. Lau ist Kommunalarchäologe der Schaumburger Landschaft und unterstützt uns Ehrenamtliche. Ehrenamtlich und als Beauftragter der Denkmalpflege ist auch Ronald Reimann dabei. Gerade wird er von Gabriele Arndt-Sandrock gerufen: Metallischer Klang beim Graben. Da sind Reimanns Sachverstand und Metalldetektor gefordert. 

 

Das Metall windet sich in viele Richtungen. Ein Stück von dem Stacheldraht, der vermutlich das gesamte Gelände einzäunte. Das abgebrochene Stück eines Begrenzungspfosten hatte Arndt-Sandrock bereits freigelegt. Wichtige Funde für unseren Arbeitskreis. Was kann das Grauen dieses Lagers besser symbolisieren?

 

„Nach der jüdischen Gemeinde und den Opfern der Euthanasie wollen wir uns nun mit Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern unserer Stadt auseinandersetzen“, berichtet Arndt-Sandrock. Über alle fünf Ortsteile verteilt wisse der Arbeitskreis mittlerweile von neun Lagern.

Die Recherchen zu dem Lager im Forst sind also erst der Anfang. Ein weites Feld und ein Glücksfall, weil noch Überreste im Boden liegen und weil Lau und Reimann begeistert waren von dem Plan, dieses Kapitel der jüngeren Geschichte aufzugreifen.

Dem Freilegen im Waldboden hat Brunschön umfangreiche Recherchen vorangehen lassen. Anhand vorhandener Lagerlisten hat sie eine russische Gedenkseite durchforstet und Fragmente von Schicksalen der Gefangenen gesammelt. Wie dem von Andrej Wladimirow. 

Wladimirow, der von Beruf Landarbeiter war und aus dem Dorf Madras stammte, 400 Kilometer von Moskau entfernt. 31 Jahre war er alt, als er Soldat wurde – nachdem am 22. Juni 1941 der Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion begonnen hatte. Wenig mehr als einen Monat später geriet er im heutigen Estland in Gefangenschaft. Vier Monate später, am 3. November 1941, kam er gemeinsam mit 47 Leidensgenossen in den Rehburger Forst. Sechs Wochen später war er tot.

 

 

 

 

Wladimirow ist einer von 25 Toten des ersten Winters direkt im Lager. „Erst Anfang Februar gab es  einen Transport zum Lazarett in Wietzendorf“, erzählt Brunschön. 23 Männer von denen nur vier überlebten. Ruhr und Entkräftung sind bei einigen als Todesursache angegeben. Weitaus mehr haben lediglich einen Stempel auf ihre Personalkarte bekommen: Während der Quarantäne-Zeit unbekannt verstorben. „Ein deutliches Zeichen für die Geringschätzung der Nazis gegenüber den Russen“, sagt Brunschön. Nicht einmal ein Todesdatum waren sie ihnen wert.

Das Massensterben der jungen Männer kann durch Seuchen erklärt werden. Durch Unterernährung. Und auch dadurch, dass sie zu Beginn eines harten Winters in einem Lager abgeladen wurden, das kein Lager war. Die Baracken sollen zu jenem Zeitpunkt noch nicht gestanden haben. Im Freien oder in Erdhöhlen nächtigend. Tagsüber zur Arbeit in Forst und Moor angetrieben. Starben Gefangene, so kamen neue nach.

Die jüngste Lagerliste, die wir gefunden haben, ist im Februar 1945 aufgestellt worden. Ob das Lager im April jenes Jahres, als die Alliierten in Rehburg einzogen, einfach aufgelöst wurde? Ob es von den durchziehenden Briten befreit wurde? Fragen, zu denen wir noch recherchieren. 

Einer derjenigen, die sich zum Graben im Waldboden auf die Knie niedergelassen haben, ist Eike Heymer. 84 Jahre alt, 1945 als Flüchtling nach Rehburg gekommen. Er erinnert sich, dass es im Ort „Russenlager“ genannt wurde und daran, um 1946 mit einem Freund zu dem Lagerplatz gegangen zu sein. Damals, sagt er, stand schon kein Gebäude mehr, waren die Mauerreste überwuchert. Wer das Lager abgetragen hat? Auch das ist noch ein Rätsel.

 

Nicht ganz so rätselhaft ist mittlerweile die Aufteilung des Lagers. Das 28 Quadratmeter große Gebäude, das Mitglieder des Arbeitskreises freigelegt haben, ist nur ein winziger Teil davon. Rund 100 Meter lang und 40 Meter tief. Das hat Reimann als Grundfläche identifiziert und er hat auch eine ungefähre Vorstellung von der Lage der Gebäude.

„Ein Denkmal“, sagt Archäologe Lau mit Blick auf das Gelände. Auch wenn im Boden nicht viel mehr als Mauerreste und Stacheldraht schlummern. Schützenswert. Archäologisch und geschichtlich wertvoll. Lau weist daraufhin, dass jede Form von Grabung, jeder Rundgang mit einem Metalldetektor von der Kommunalarchäologie genehmigt sein muss. Jeder andere Eingriff kann Spuren vernichten. „Es geht uns um die würdige Auseinandersetzung mit dem Ort und den Menschen“, fügt Arndt-Sandrock hinzu.

Noch in diesem Jahr wollen wir die Grabungen fortsetzen und erste Ergebnisse auswerten. Unsere Recherchen  laufen ohnehin weiter. Eines unserer nächsten Ziele ist es, Angehörige der Toten aus dem Forst ausfindig zu machen. Um ihnen ein Gesicht, eine Geschichte zu geben.

 

Das Stichwort von Lau „Denkmal“ wollen wir diskutieren. Wie soll, wie kann mit diesem Denkmal umgegangen werden? Publikationen, Info-Tafel und Vorträge sind im Gespräch. Brunschön träumt von einem Konzept für Schulen, gar von einem Lernort. Dann rufen Christiane Henne und Ulrich Helms aus dem Hintergrund. Sie haben die Überreste eines Löffels gefunden. Es gibt noch viel zu tun. Ob mit Schweiß im Gesicht beim Wühlen im Waldboden oder am Schreibtisch und in Archiven. 

Beate Ney-Janßen, Juni 2021

Die Toten des Winters 1941/42 im Rehburger Forst

15.12.1941: Andrej Wladimirow

21.12.1941: Fedor Worobjew

23.12.1941: Wassili Karuchtanow

04.01.1942: Alexander Kulikow

06.01.1941: Peter Klimowzow

06.01.1942: Michael Pawlow

12.01.1942: Nikolaus Jakowlew

14.01.1942: Nikolai Ledenzow

14.01.1942: Walentin Andreew

14.01.1942: Iwan Scherstinkow

14.01.1942: Andrei Kotow

14.01.1942: Roman Wolkolupow

21.01.1942: Inogatj Kladniezkij

24.01.1942: Iwan Pobrebnjakow

26.01.1942: Alex Pusanow

27.01.1942: Sergej Uschokowo

27.01.1942: Aleksander Kiptschatow

29.01.1942: Georgij Motalassow

31.01.1942: Stepan Kargusow

31.01.1942: Pawel Gluchow

03.02.1942: Grzegosch Britschko

04.02.1942: Peter Kastrikin

05.02.1942: Alexander Stabredow

05.02.1942: Dmitrij Perewostschikow

19.02.1942: Nikolai Rjubtischkow

 

Die Toten im Lazarett

20.02.1942: Michail Tschernow

22.02.1942: Aleksei Akulenko

23.02.1942: Iwan Balow

24.02.1942: Iwan Schajew

04.03.1942: Sergeij Katanow

11.03.1942: Alexander Ustinow

15.03.1942: Iwan Maloletnew

07.04.1942: Iwan Sedow

12.04.1942: Fydor Morosow

22.04.1942: Semen Lukjanow

"In der Quarantänezeit unbekannt verstorben":

Origorij Karnilow

Alexander Garbusow

Boris Tschurajew

Michael Fedorow

Iwan Franzew

Iwan Boronzew

Nikolaj Taranow

Kondrat Sapunow

Peti Worobjow

 

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