„Das Gefühl, willkommen zu sein“

Brief aus Israel an „die lieben Menschen in Rehburg“

Zur Verlegung von Stolpersteinen für Mitglieder ihrer Familie sind Jose und Evelyn Hammerschlag Ende November aus Israel nach Rehburg gereist. Es ist nicht ihr erster Besuch zu den Wurzeln ihrer Familie gewesen – wohl aber der erste für ihre Söhne Ruben, Ariel und Yair.

Begegnungen mit Menschen aus Rehburg hat es am Tag der Stolperstein-Verlegung gegeben und auch am Tag zuvor. Zum jüdischen Friedhof ist die Familie von Rehburgern ebenso geführt worden, wie auch durch das Kloster Loccum, wurde im Heimatmuseum bewirtet und hat einen Gang durch den Ortskern entlang der Geschichte der jüdischen Gemeinde gemacht. Im Vordergrund haben bei allem die Gespräche gestanden – mit Menschen, die Jose und Evelyn Hammerschlag bereits von früheren Besuchen kannten, mit Mitgliedern des Arbeitskreises Stolpersteine und mit vielen anderen, die manchmal nur den Nachfahren der ehemaligen Nachbarn die Hand geben wollten.

Zurück in Israel hat der jüngste Sohn der Familie, Yair Hammerschlag, seine Eindrücke von diesem Besuch in einem Brief zusammengefasst. Seine Mutter Evelyn hat den Brief vom Hebräischen ins Deutsche übersetzt – und ihn zur Veröffentlichung frei gegeben:

4. Dezember 2015

An die lieben Menschen in Rehburg

Yair Hammerschlag (links) – hier mit seinem Vater Jose – ist zum ersten Mal nach Deutschland gekommen – und hat aus Israel einen Brief an die Menschen, denen er in Rehburg begegnet ist, geschrieben.
Yair Hammerschlag (links) – hier mit seinem Vater Jose – ist zum ersten Mal nach Deutschland gekommen – und hat aus Israel einen Brief an die Menschen, denen er in Rehburg begegnet ist, geschrieben.

Ich werde nicht eure Namen nennen, denn es waren viele, welche uns aufgenommen haben und an diesem wunderbaren Projekt teilnahmen, aber es ist mein Wunsch bitte diese meine Worte, an alle Teilnehmer weiterzugeben.

Es ist schon eine Woche vergangen seit unserem Treffen, und noch weiß ich nicht, ob ich im Stande bin, alle meine Gefühle auf dieses Blatt zu bringen. Ihr habt uns so wunderbar aufgenommen und wir haben bei diesem besonderen Besuch so vieles gehört und gesehen.


Schon vom ersten Moment in Wiedenbrügge, als einige Abgesandte der Gruppe uns empfingen, verstand ich welch besondere Menschen ihr seid, und als weitere Stunden verliefen und wir mehr und mehr Menschen eurer Stadt trafen, vertiefte sich bei mir dieses Gefühl. Dabei war mir bewusst, wie wichtig es euch ist, den schrecklichen Zeiten welche in Deutschland und ganz Europa zwischen den 1930er Jahren bis 1945 verliefen, in die Augen zu schauen, und dass dieses Thema für euch wichtig und ans Herz gewachsen ist.


Ich glaube dass ich nur wenig von den Gefühlen verstehen kann, welche ihr - als zweite und dritte Generation - im Herzen tragt.


Als Juden und Israelis sind wir nicht daran gewöhnt, die Sachen von eurem Standpunkt aus zu sehen. Ihr habt uns die interessante Gelegenheit gegeben, dem allen anders ins Gesicht zu schauen.

Obgleich wir sprachliche Verständigungsprobleme hatten, da ich kein Deutsch spreche und nur wenige von euch Englisch sprechen, konnte man genau merken was ihr fühlt und sagen wollt: durch eure Taten, Teilnahme und durch eure Augen, welche oft Tränen fließen ließen.


Als Jude von europäischer Herkunft ist das "Familien-Puzzle" ziemlich kompliziert. Obgleich Israel mein Heim ist, hatte ich mein ganzes Leben den Wunsch, mehr zu verstehen. Der Besuch in Rehburg, mit all dem, was ihr uns zeigtet und erklärtet, füllte für mich einen großen Teil in diesem "Familien–Puzzle".


Außerdem, war es eine sehr angenehme Atmosphäre bei euch, so dass ich in diesen zwei Tagen richtig das Gefühl bekommen habe, dass ich in Rehburg willkommen bin und mich zu Hause fühle. Es war sehr schön zu sehen, dass Ihr als "Kinder" dieser Stadt unsere Vorfahren, welche hier vor mehr als 70 Jahren lebten, nicht vergessen habt. Und dieses, trotz vieler Veränderungen und manchmal auch dem Willen die schreckliche Zeit der Geschichte zu vergessen.

Für all dieses möchte ich mich besonders bedanken.


In diesen Tagen, in welchen Hass, Schlechtigkeit und furchtbare Angriffe jeden Tag in verschiedenen Sprachen und Kleidung vorkommen, sind eure Taten wichtiger als je. Ich habe das Glück gehabt dieses zu erleben bei euch, und ich will es unterstützen und unterstreichen, wie wichtig es ist. Und so möchte ich sagen "Gebt es nicht auf, macht weiter, auch wenn es Menschen gibt, welche andere Ideen haben.“


In meinen Augen seid ihr tapfere Menschen, welche der Geschichte ohne Furcht in die Augen schauen, und um Versöhnung bitten wegen der Taten der vorigen Generationen.

Ich hoffe dass unser Besuch euch noch mehr Energien gegeben hat für Euer Schaffen.


Ich danke euch von ganzem Herzen


Yair Hammerschlag

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