Aus dem KZ nach Loccum

Amerikaner auf Spurensuche nach seiner Familie

Das Grab seines Bruders wollte Chris Gral besuchen – dazu ist er von Chicago bis nach Bad Rehburg gereist, wo sein Bruder Jan 1947 beerdigt wurde. Bad Rehburg und auch Loccum sind wichtige Stationen der Familiengeschichte von Chris Gral, dessen Eltern sich im Konzentrationslager Bergen-Belsen kennen lernten.

Chris Gral kniet an dem Stein mit der Nummer 5 auf dem sogenannten „Ehrenfriedhof“ in Bad Rehburg. Dort steht der Name, das Geburts- und Sterbedatum seines Bruders – neben etlichen weiteren Namen. 26 solcher Steine mit jeweils vielen Namen sind auf der Rasenfläche verteilt. Fremd klingen viele dieser Namen für einen Friedhof in Deutschland. Aus Polen, Russland, Lettland, aus vielen weiteren Ländern stammen diejenigen, die dort beerdigt wurden. 228 Namen von Menschen, die in den Jahren 1945 bis 1948 im Bad Rehburger Hospital Montgomery starben. Dieses Hospital richtete die britische Armee damals direkt nach dem Zweiten Weltkrieg dort ein. Ehemaligen Kriegsgefangenen, Zwangsarbeitern und Häftlingen aus Konzentrationslagern sollte geholfen werden. 228 von ihnen haben es nicht geschafft und für sie wurde das Gräberfeld angelegt.

 

Chris Gral hat vor einigen Jahren begonnen, die Spuren seiner Familie zu suchen. Seine Eltern stammten aus Polen, er wurde im Mai 1946 in Bergen-Belsen geboren. Sein Bruder Jan, zu dessen Grab er nun gehen wollte, wurde nur fünf Monate alt – geboren im Mai 1947 in Diepholz, wohin es seine Familie mittlerweile verschlagen hatte. In den wenigen Monaten von Jans Leben wurde die Familie in ein weiteres Camp gebracht – nach Loccum. In der Loccumer Heide, wo sich während der Kriegszeit ein großes Tanklager mit eigenem Bahnanschluss für die Wehrmacht befand, wurden viele dieser Zwangsarbeiter, Kriegsgefangenen und KZ-Häftlinge aufgefangen.
Loccum war für die Familie zwar nur eine kurze Station, aber dennoch eine, die sich eingebrannt hat in die Erinnerung der Familie. Dort ließen sich die Eltern von Chris Gral standesamtlich trauen. Nur einen Monat später betrauerten sie dort ihren Sohn Jan, der in Bad Rehburg an einer Lungenentzündung gestorben war. Und dort wurde ihnen im Jahr darauf eine Tochter geboren – in dem Entbindungsheim, ebenfalls in der Loccumer Heide, das speziell für Frauen aus Polen eingerichtet worden war.


Chris Gral kniet am Grabstein seines Bruders und atmet schwer. Traurig ist er. Und bedauert, dass es ihm nicht gelungen ist, auf der Fahrt nach Bad Rehburg Blumen zu kaufen. „Könnt Ihr Jan bitte Blumen bringen?“, wendet er sich an Heinrich Lustfeld und Martin Guse. Diese beiden Männer sind es, die ihn und seine Lebensgefährtin Donna Pacanowski auf den Friedhof geführt haben.
Bei den Vorbereitungen seines Deutschland-Besuchs hatte Chris Gral sich auch an die Rehburg-Loccumer Stadtverwaltung gewandt mit Fragen nach dem Friedhof. Etliche Auskünfte bekam er dort – und wurde weitergereicht an Heinrich Lustfeld aus unserem Arbeitskreis. Er wollte gerne helfen – auch, weil er gerade damit beginnt, sich nicht nur mit den Schicksalen der Juden und Euthanasie-Opfer aus Rehburg-Loccum zu befassen, sondern auch zu den Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen zu recherchieren. Ein weites Feld, das viele Facetten hat. Unterstützung bekommt er dabei von Martin Guse von der „Pulverfabrik Liebenau“. Zu dem riesigen Zwangsarbeiterlager in Liebenau recherchiert Guse seit Jahren und Berührungspunkte von dort zu dem Hospital in Bad Rehburg gab es für ihn schon an anderen Stellen.

Die Blumen wollten die Männer gerne in den kommenden Tagen an das Grab bringen. Zuvor steigen sie aber noch in ein intensives Gespräch mit dem Paar aus den USA ein, denn Chris Gral ist nicht nur mit Fragen, sondern auch mit viel Wissen über seine Familie, einer Mappe voller Dokumente und einem Familien-Fotoalbum angereist. Beim Kaffee im Bad Rehburger „Carpe Diem“ blättert er auf, was er weiß.


Da ist sein Vater, 1914 in Polen geboren, der 1939 Soldat in der polnischen Armee wurde. 1943 geriet er in Kriegsgefangenschaft, musste dann Zwangsarbeit für die Deutschen verrichten, unter anderem in Hamburg. Wie es kam, dass seinem Vater kurz darauf der rote Winkel angeheftet wurde, der ihn als politischen Gefangenen auswies, das weiß Chris Gral nicht. Er habe nachgefragt, sagt Gral. Zuerst habe sein Vater ihm gesagt, dass er zu jung sei. Dann wollte er nicht darüber reden. Und dann war er gestorben – ohne erzählt zu haben, was der Anlass war, was er gesagt oder getan hatte, das die Nazis dazu veranlasste, ihn zunächst in das Konzentrationslager Neuengamme bei Hamburg, dann nach Drütte und schließlich nach Bergen-Belsen zu bringen.

 

In dieser Zeit in Bergen-Belsen lernte Chris Grals Vater seine spätere Frau kennen. Sie stammte ebenfalls aus Polen, hatte sich 1944 an dem Warschauer Aufstand beteiligt und war daraufhin von den Nazis verhaftet, ebenfalls als politische Gefangene eingestuft, zunächst in das Konzentrationslager Stutthof, dann nach Bergen-Belsen verschleppt worden. Dort, im Konzentrationslager, lernten sich die beiden kennen, und dort blieben sie auch noch mehr als ein Jahr nach der Befreiung vom April 1945 – mindestens bis zur Geburt ihres Sohnes Chris im Mai 1946.


Allerhand Daten lassen sich in den Dokumenten nachvollziehen, die Chris Gral an vielen Stellen gesammelt hat. Wie etwa das Datum der Hochzeit seiner Eltern. Beurkundet am 22. November 1947 vom Loccumer Standesbeamten. Ein Foto seiner Eltern zeigt er, von dem er meint, dass es aus jener Zeit stammt. Beide schauen aus einem geöffneten Fenster heraus, das mit Girlanden und der polnischen Flagge geschmückt ist. Andere Fotos zeigen Chris Gral als Kleinkind, gemeinsam mit seiner in Loccum geborenen Schwester. Womöglich, meint er, stamme auch diese Aufnahme aus Loccum – aus dem Camp, von dem Lustfeld und Guse herausgefunden haben, dass es sich dort befand, wo heute die Blindenwerkstätten und das Web- und Textilmuseum sind. Später fährt die kleine Gruppe noch dorthin, steht auf der Rasenfläche, auf der der kleine Chris mit seiner Schwester vermutlich gesessen hat und umrundet die Gebäude in der Hoffnung auf Wiedererkennung. Doch Chris war ja noch so klein damals.

 

Noch ein Foto holt Chris Gral hervor – und das schnürt allen am Tisch den Hals zu. Sein Bruder sei das Baby darauf, sagt Chris Gral. Sein Bruder Jan. Hinter dem Kind sitzt dessen Mutter und schaut liebevoll auf den Säugling. Es dauert eine Weile bis die Botschaft bei Lustfeld und Guse ankommt. Es ist das einzige Foto, dass es von Jan Gral gibt und aufgenommen wurde es erst nach seinem Tod, als er den Kampf gegen eine Lungenentzündung im Bad Rehburger Hospital Montgomery schon verloren hatte.

 

Für Lustfeld und Guse ist die Begegnung mit Chris Gral nicht nur ein Baustein, den sie in ihre Recherchen einfügen können, sondern auch Bestätigung, dass es richtig und wichtig ist, an diesen Stellen weiter zu forschen. Im Arbeits­kreis Stolper­steine, sagt Lustfeld, würden erste Überlegungen an­ge­stellt, für die Opfer des Natio­nal­sozia­lis­mus, die auf dem Ehren­fried­hof beerdigt wurden, eine Stolper­schwelle in einem Gehweg Bad Rehburgs zu verlegen. Den Grund für diesen Friedhof und von den Schicksalen der Menschen, die dort beerdigt wurden, wisse doch kaum jemand etwas. Darauf aufmerksam zu machen, das solle eine der nächsten Aufgaben des Arbeitskreises sein. Bevor dieses Vorhaben weitergeht, will er aber noch Blumen an das Grab von Jan Gral bringen. Und gemeinsam mit Guse auch einige Versprechen gegenüber Chris Gral einlösen. Wie etwa das, im Landkreis Diepholz nach Spuren von dessen Familie zu suchen.


Der Besuch von Chris Gral und seiner Lebensgefährtin endet nach rund fünf Stunden mit Umarmungen, gegenseitigen Dankesbezeigungen für Hilfe, Offenheit und Vertrauen. Und mit den Bekundungen, dass dieses nicht der letzte Kontakt zueinander gewesen sein soll.


Unser Arbeitskreis sucht unterdessen weitere Hinweise zu dem Bad Rehburger Friedhof, zum Hospital Montgomery und zu den Lagern, die es in Rehburg-Loccum für Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter während und auch nach Ende der Nazi-Herrschaft gab. Hinweise nehmen wir unter der Nummer (0 50 37) 13 89 oder unter arbeitskreis@stolpersteine-rehburg-loccum.de entgegen.

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