Besuch aus Israel setzt Zeichen der Versöhnung

Wie die Familie Hammerschlag jetzt in Rehburg begrüßt wurde - nicht als Gäste, sondern als Nachbarn

DIE HARKE, 7. August 2014

Rehburg-Loccum (ade). 1938 floh die jüdische Familie Hammerschlag aus Rehburg vor dem Nazi-Regime. Den Ort, an dem sie ansonsten heute zu Hause wären, haben Nachfahren der Familie aus Israel besucht - auch, um ein Zeichen der Versöhnung zu setzen.

Vermutlich 1911 ist das Foto von den vier Kindern der Familie Hammerschlag an der grünen Tür ihres Hauses in Rehburg entstanden.
Vermutlich 1911 ist das Foto von den vier Kindern der Familie Hammerschlag an der grünen Tür ihres Hauses in Rehburg entstanden.

Das beigelegte Foto, das seinen Vater Julius und dessen drei Schwestern Frieda, Paula und Selma zeige, schrieb Jose Hammerschlag vor einigen Wochen aus Israel, sei 1911 aufgenommen worden - an der grünen Tür ihres Hauses in Rehburg. Diese grüne Tür wollte er bei seinem Besuch in Rehburg unbedingt sehen. Groß war die Freude, als er feststellte, dass sie immer noch existiert. Auf dem Foto mit der grünen Tür aus dem Jahr 2014 sind nun Jose Hammerschlag, sein Bruder Arnoldo, deren Frauen und zwei ihrer Enkeltöchter zu sehen - glücklich lächelnd, weil sie an diesem Ort stehen können.

Nicht als Gäste sondern als Nachbarn empfangen: die Familie Hammerschlag trägt sich in das Goldene Buch der Stadt Rehburg-Loccum ein.
Nicht als Gäste sondern als Nachbarn empfangen: die Familie Hammerschlag trägt sich in das Goldene Buch der Stadt Rehburg-Loccum ein.

Er würde sie nicht als Gäste begrüßen, hatte kurz zuvor Rehburg-Loccums Bürgermeister Martin Franke im Ratssaal gesagt. Vielmehr würde er sie als Nachbarn, als Verschwägerte oder als Vereinskollegen begrüßen - denn das wären sie heute, wenn ihnen nicht so übel mitgespielt worden wäre. „Erinnerung als Wert für die Zukunft“ hat er als Überschrift in das Goldene Buch der Stadt setzen lassen. Auf jener Seite, auf die die sechs Familien­mitglieder anschließend ihre Namen setzten.

 

1938 war es, als Jose Hammerschlags Großvater Salomon beschloss, Deutschland den Rücken zu kehren und zu fliehen. Noch vor der Pogromnacht, noch einige Jahre bevor die Verfolgung der jüdischen Mitbürger ihren Höhepunkt erreichte und bevor die systematische Vernichtung der Juden durch die Nazis begann, hatte Salomon Hammerschlag das Gefühl, dass es besser sei zu gehen.

Argentinien war das Ziel der Familie. Mit Salomon gingen seine Töchter Selma und Frieda sowie Sohn Julius und deren Ehepartner. Tochter Paula folgte mit ihrem Mann zwei Jahre später. Salomons Frau Bertha war bereits 1924 gestorben. Große Teile der Familie zogen später von Argentinien nach Israel.

 

Einer der Gründe, weshalb sie flohen, war vermutlich ein Ereignis, von dem Jose Hammerschlag sagt, dass seine Eltern es ihnen in Argentinien oft erzählten. Es sei nämlich so gewesen, dass die Familie über Generationen hinweg in Rehburg ihren Lebensunterhalt mit einer Fleischerei verdiente. Einer ihrer größten Kunden sei das Kloster Loccum gewesen. Von dort habe die Familie allerdings an einem Freitagabend Ende 1936 oder aber auch Anfang 1937 Besuch von einem Bediensteten des Klosters bekommen. Die Familie habe sich eben zum feierlichen Abendessen angesichts des nahenden Shabath zu Tisch gesetzt. Die Kerzen seien schon entzündet gewesen, als der Mann aus dem Kloster ihnen mit Tränen in den Augen angesichts des jüdisch-familiären Bildes gesagt habe, dass die Geschäftsbeziehungen zum Kloster Loccum ab sofort beendet seien „wegen der Vorschriften, welche wir von Oben bekamen“.

 

Was nach der Flucht aus Deutschland folgte, hat Jose Hammerschlag in einem weiteren Brief beschrieben: „Im März 1938 kamen meine Eltern in Buenos Aires an und ein paar Tage später wurden sie - mit anderen Immigranten - zu der Kolonie Moises Ville geschickt, 650 Kilometer von Buenos Aires entfernt. Dort bekamen sie ein Stück Land, 75 Hektar groß, ein paar Kühe, Pferde, Arbeitsgeräte und ein sehr primitives kleines Haus. Das Haus war aus Ziegeln und von innen mit Lehm bestrichen. Das Dach aus Blech, kein fließendes Wasser, Elektrizität oder Sanitäreinrichtung im Haus.

Aber dies alles konnte nicht das Glücksgefühl trüben, sich von den Schauern Europas gerettet zu haben. Aber dieses Glück war natürlich beschattet von dem schrecklichen Gefühl, die Lieben der Familie nicht retten zu können! Die Eltern meiner Mutter fanden ihr tragisches Ende in Auschwitz.

Das Leben war hart in der argentinischen Landwirtschaft und überhaupt - ohne die Sprache zu können, welche sie bis zum Ende ihres Lebens kaum sprechen lernten… Sie lebten immer weiter wie Immigranten... In vielen Momenten versuchten sie, uns über ihre Vergangenheit zu erzählen, über ein Deutschland, welches sie betrogen hat und Schlimmes angetan hat. Aber doch hingen sie an den schönen Erinnerungen von dort.“

 

Die Entscheidung Salomons, Rehburg zu verlassen, war weise. Die Mitglieder der jüdischen Gemeinde in der kleinen Stadt, die dort blieben und abwarteten, wurden allesamt in Ghettos und Konzentrationslager deportiert. Nur eine einzige Frau kam lebend von dort zurück.

2004 schon hat Jose Hammerschlag am Grab eines seiner Vorfahren auf dem jüdischen Friedhof in Rehburg gekniet.
2004 schon hat Jose Hammerschlag am Grab eines seiner Vorfahren auf dem jüdischen Friedhof in Rehburg gekniet.

Für Jose Hammerschlag ist es nicht die erste Reise nach Deutschland. 1978 kam er gemeinsam mit seinen Eltern dorthin, um das Grab seiner Großmutter zu besuchen. Damals trafen sie niemanden, wollten auch wohl keinen Kontakt haben, wie er sagt. Zu groß sei die Befürchtung seiner Eltern gewesen, denjenigen zu begegnen, die damals zu den Nazis gehörten. Das nächste Mal besuchte er den Ort, der seine Heimat hätte sein können, im Jahr 2004 gemeinsam mit seiner Frau Evelyn. Damals hatte er sich bei der Stadt angemeldet und um Kontakt gebeten. So kam die Verbindung zum Rehburger Bürger- und Heimatverein zustande - ein Kontakt, der nie wieder abgerissen ist. Im Frühjahr dieses Jahres machte eine Gruppe der Rehburger Kirchen­gemeinde einen Gegenbesuch in Israel. Woraufhin nun die Familie zu Gast bei der Kirchengemeinde gewesen ist.

Familienfoto an der grünen Tür: bis 1938 hat die Familie Hammerschlag in dem Haus in Rehburg gelebt, an dessen Tür nun drei nachfolgende Generationen stehen.
Familienfoto an der grünen Tür: bis 1938 hat die Familie Hammerschlag in dem Haus in Rehburg gelebt, an dessen Tür nun drei nachfolgende Generationen stehen.

Immer wieder hat Jose Hammerschlag bei diesem Besuch in Rehburg betont, dass es ihm um Versöhnung geht. Dass es ihm nicht um Entschuldigungen geht. Diejenigen, deren Vorfahren ihnen Unrecht getan hätten, hätten schließlich keine Schuld auf sich geladen. In erster Linie sei es ihm wichtig, die Verantwortung dafür, dass so etwas nie wieder geschehe, nicht nur in seiner Generation deutlich zu machen, sondern es auch an die nächsten Generationen weiterzugeben.

 

In diesem Sinne sind während des Besuches einige Zeichen sowohl von den Gästen aus Israel, die doch eigentlich Nachbarn sind, und von den Gastgebern aus Rehburg-Loccum gesetzt worden. Spontane Umarmungen gehören dazu - wie zwischen Jose Hammerschlag und Erika Lustfeld vom Bürger- und Heimatverein.

Zeichen der Versöhnung im Kapitelsaal des Klosters Loccum: Evelyn Hammerschlag nimmt ihre Enkelin in den Arm, nachdem sie einen Psalm auf Hebräisch gesungen hat.
Zeichen der Versöhnung im Kapitelsaal des Klosters Loccum: Evelyn Hammerschlag nimmt ihre Enkelin in den Arm, nachdem sie einen Psalm auf Hebräisch gesungen hat.

Und auch die Beziehung zum Kloster Loccum hat einen neuen Klang bekommen - mit einem Gebet auf Deutsch und Hebräisch, das Jose Hammerschlag und der Alt-Prior, Dieter Zinßer, gemeinsam im Kapitelsaal des Klos­ters vortrugen. Zum Ende sang Ham­mer­schlags Enkelin einen Psalm auf Hebräisch. Sichtlich bewegt sagte Zinßer, dass es das an diesem Ort noch nicht gegeben habe.

 

Mit einem Versprechen ist Jose Ham­mer­schlag mit seiner Familie nach Israel zu­rückgereist: es sei seiner dritter, aber nicht sein letzter Besuch in Rehburg gewesen. Er habe noch die Verpflichtung, seinen Söhnen zu zeigen, wo ihre Wurzeln seien.

Zum PDF mit der Original-Seite der HARKE gelangen Sie hier:
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