Zum Besuch der Familie Hammerschlag in Rehburg

Rede von Bürgermeister Martin Franke anlässlich der Eintragung ins Goldene Buch der Stadt Rehburg-Loccum am 5. August 2014

Liebe Familie Hammerschlag, liebe Gäste,

ich begrüße Sie im Namen des Rates und der Verwaltung der Stadt Rehburg-Loccum, aber auch ganz persönlich sehr herzlich hier im Rathaus der Stadt.
Dieser etwas überdimensionierte Saal strahlt leider nicht annähernd die Herzlichkeit aus, die wir Ihnen gerne entgegenbringen möchten!

Liebe Familie Hammerschlag, den Eingangssatz zur Begrüßung sage ich so oder so ähnlich sehr häufig, wenn wir Gäste hier im Rathaus empfangen – insofern ist da natürlich eine gewisse Routine dabei, auch wenn uns alle unsere Gäste tatsächlich natürlich gleichermaßen herzlich willkommen sind.
Bei Ihnen allerdings ist dieser Begrüßungssatz alles andere als routiniert – Ihr Besuch in Rehburg ist in jeder Hinsicht etwas ganz Besonderes für mich, für uns und daher eine große Freude und Ehre zugleich. Und es ist auch eine große Geste Ihrerseits, die uns mit Demut und Dankbarkeit erfüllt.
Die Gründe dafür liegen auf der Hand:
Sie hätten eigentlich heute gar nicht unsere Gäste sein sollen. Sie hätten eigentlich unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger sein sollen. Hätte die Geschichte vor rund 70 Jahren nicht diesen fürchterlichen Verlauf genommen, würden wir Sie heute wahrscheinlich nicht als von weit her angereiste Gäste begrüßen, sondern wir wären uns als Nachbarn, Freunde, Vereinskollegen, vielleicht sogar als Verwandte und Verschwägerte schon immer begegnet, wären miteinander aufgewachsen – hätten miteinander gestritten, gefeiert – gespielt, gebaut und geerntet, hätten uns geholfen und hier und da miteinander konkurriert – geradeso, wie Menschen in einer Stadt das miteinander tun.

Weil der nationalsozialistische Terror über das Land gekommen ist und unermessliches Leid, unglaublichen Schmerz und himmelschreiendes Unrecht verbreitet hat, ist es anders gekommen und wir begegnen uns heute zumindest äußerlich als Fremde. Im Herzen und im Geiste allerdings sind Sie aber für uns eben nicht Fremde, sondern Nachbarn, Freunde, Vereinskollegen, Verwandte und Verschwägerte.

 

Man tut sicher unrecht daran, die Geschichte der Familie Hammerschlag in Rehburg allein auf die Zeit während der NS-Zeit zu reduzieren. Trotzdem ist das die Zeit, die uns zu dem gemacht hat, was wir heute sind – vermeintlich Fremde. Und so habe ich mich in der Vorbereitung auf Ihren Besuch, natürlich auch mit der Zeit des NS-Regimes in Rehburg befasst. Und es ist tiefbewegend, ja häufig erschütternd zu lesen, dass die Nazi-Verbrechen, die man ja aus dem Schul­unterricht kennt oder aus Filmen und Büchern, dass diese Verbrechen nicht irgendwo statt­gefunden haben, sondern hier, hier vor Ort!

Hier in Rehburg, hier in und vor den Häusern, die wir heute noch kennen, begangen an Menschen und begangen von Menschen, die auch unsere Nach­barn, Freunde, Ver­eins­kollegen, Verwandte und Ver­schwägerte waren.

 

Es steht mir heute nicht zu, über einzelne Menschen zu urteilen, zu Fragen, ob Sie Überzeugungstäter waren oder gleichgeschaltete Mitläufer und damit selbst Opfer, die von der Angst um die eigenen Familien getrieben waren. Aber es graust einem geradezu, wenn man in einer alten Schulchronik lesen kann:

  • „Stadt Rehburg wählte zu 100%, alle gaben ihre Stimme dem Führer“ (Eintrag vom 29.03.1936 zur Reichstagswahl)
  • Oder wenig später: „Feierliche Hissung der HJ-Fahne an der Schule in Rehburg; 100% der Oberstufenkinder in der HJ organisiert“ (Eintrag vom 04.07.1936)
  • Ein weiterer, kaum zu ertragender Eintrag vom 10.04.1938 lautet: „Die Stadt Rehburg gab dem Führer am Tage der Schaffung Großdeutschlands zu 100% die Ja-Stimme!“

 

Zu diesem Zeitpunkt hatte Ihr Vater und Großvater Salomon Hammerschlag mit den Kindern Selma, Julius und Paula nebst deren Ehepartnern bereits die Flucht angetreten und hat Rehburg am 14. Februar 1938 in Richtung Argentinien verlassen.

Damit tat er wahrscheinlich das einzig Richtige, denn die politische und gesellschaftliche Unkultur war kurz vor der systematischen Vernichtung von menschlichem Leben angekommen – erste Konzentrationslager waren errichtet, die Repressalien gegen die jüdische Bevölkerung so massiv und lückenlos, dass ein Leben auch in der dörflichen Nachbarschaft des kleinen Rehburg nicht mehr möglich war.

Deshalb sind wir heute nicht Nachbarn, Freunde und Bekannte. Natürlich nicht wegen der Flucht der Familie, sondern wegen der sie auslösenden dramatischen Ereignisse im Vorfeld des Ausbruches des Zweiten Weltkrieges.

 

Ich will heute nicht die Frage nach der Schuld des Einzelnen stellen, das habe ich ja schon gesagt. Im Zweifel ist sie auch schnell beantwortet, denn die Schwere der Verbrechen, die begangen wurden, lassen den Schluss, jemand der Beteiligten sei unschuldig gewesen, schlicht nicht zu. Auch die Abgrenzung der „juristischen“ von der „moralischen“ Schuld führt nicht zu einer befriedigenden Antwort oder gar zur Entlastung.

Das ist ein Grund dafür, dass ich die Frage der Schuld heute nicht aufwerfen möchte. Ein weiterer – und das ist für mich der wesentliche Grund, liegt darin, dass diese Frage uns nicht zu einer Lösung führt.

 

Ich bin 1966 geboren, meine Tochter 1998, das sind 21 bzw. sogar 53 Jahre nach dem Ende von Nazideutschland. Wir und damit alle Menschen unserer Generationen haben diese schreckliche Zeit nicht erleben müssen. Wir sind deshalb – egal in welcher Facette nicht schuldig! Aber wir sind verantwortlich!

 

Verantwortlich dafür,

  • dass das Geschehene nie vergessen wird!
  • dass die schrecklichen Ereignisse jener Zeit eine ewige Mahnung bleiben, damit niemals wieder Ideologien greifen können, die so menschenverachtend und so hasserfüllt alles menschliche Zusammenleben vergiften
  • dass die Werte von Toleranz und Menschlichkeit nie wieder so mit Füßen getreten werden
  • dass allen etwa aufkommenden Tendenzen mit Mut und Zivilcourage entgegen getreten wird!

 

Dass diese Verantwortung nicht nur eine Worthülse ist, können wir allesamt jeden Tag in den Nachrichtensendungen überall auf dem Globus live und in Farbe mitverfolgen. Ob in Ihrem Heimatland, in Israel, im Gazastreifen, in der Ukraine, in Nigeria oder an viel zu vielen anderen Orten auf dem Globus – die Aufgabe dieser Verantwortung gerecht zu werden ist hier und jetzt da – und sie wird, so fürchte ich, niemals erledigt sein.

 

Sie, liebe Familie Hammerschlag, haben den Nazi-Terror in Rehburg auch nicht erleben müssen, die Älteren unter Ihnen haben aber die Folgen dieser Ereignisse unmittelbar erlebt. Trotzdem sind Sie hier hergekommen, in den Ort indem Ihre Wurzeln liegen und in dem gleichzeitig auch die Entwurzelung Ihrer Familie so dramatisch stattgefunden hat.

Dafür danke ich Ihnen noch einmal sehr herzlich, gibt es uns doch die Gelegenheit etwas von der beschriebenen Verantwortung wahrzunehmen.

Ich meine jetzt die Verantwortung für unsere Taten, um das Vorgesagte auch erfüllen zu können. Wir alle gemeinsam haben die Verantwortung wieder Brücken zu bauen – Brücken zwischen Menschen, die mal Nachbarn waren und jetzt weit voneinander entfernt leben. Wo sie schon da sind, müssen wir diese Brücken auch belastbar gestalten, sie verstärken und sie begehen – in beide Richtungen.

Nur so kann man voneinander lernen, kann einander verstehen und Respekt oder gar Sympathie für einander entwickeln. Sie tun das dankenswerter Weise durch Ihren Besuch!

Wir sind nicht die Generation der Schuldigen, aber wir sind die Generation der verantwortlichen Brückenbauer und Brückenbegeher. Und das werden auch noch unsere Kinder und Kindeskinder sein, ja sein müssen! Deshalb freue ich mich auch außerordentlich über unsere jungen Gäste, die diese Verantwortung weiter tragen müssen!

 

Herzlichen Dank, dass Sie gekommen sind! Ich möchte Sie gleich bitten, sich in das Goldene Buch der Stadt einzutragen, damit würden Sie uns eine große Freude machen.

Der Eintrag lautet: „Erinnerung als Wert für die Zukunft – Die Rehburger Familie Hammerschlag anlässlich ihres Besuches in Rehburg-Loccum im August 2014“, um auch quasi schwarz auf weiß zu belegen, dass Sie unsere Nachbarn, Freunde, Vereinskollegen, Verwandte und Verschwägerte – unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger sind!

 

Herzlich Willkommen!

Es war mir ein Bedürfnis, Ihnen das zu sagen und nicht einfach ein paar Daten zum heutigen Rehburg aneinander zu reihen.

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Auch der Förderverein der  ehemaligen Synagoge in Stadthagen bietet Veranstaltungen rund um die Verlegung von Stolpersteinen an:
www.stadthagen-synagoge.de