Erinnern, mahnen, Zukunft gestalten

Fluchtgeschichten im Nienburger Kulturwerk in szenischer Lesung aufgeführt

Fluchtgeschichten von der NS-Zeit bis heute haben Jugendliche auf der Bühne des Nienburger Kulturwerks in szenischer Lesung erzählt. „Sonst wären wir hier zu Hause“ haben sie das betitelt, was sie gemeinsam mit unserem Arbeitskreis erarbeitet haben.

Eindringlich stellen die Jugendlichen sechs Fluchtgeschichten mit einer szenischen Lesung vor.
Eindringlich stellen die Jugendlichen sechs Fluchtgeschichten mit einer szenischen Lesung vor.

Erinnern und mahnen und Zukunft gestalten – diese drei Vorsätze hatte unser Arbeitskreis, als er vor drei Jahren mit seiner Arbeit begann. Erinnern an die jüdische Gemeinde, die es in der Stadt bis zur Zeit des Nationalsozialismus gab, daran, dass Menschen aus der Stadt flüchten mussten oder deportiert und ermordet wurden. Mahnung ist jede unserer Aktionen gewesen und im Zentrum haben immer zwei Worte gestanden: „Nie wieder!“ Zukunft gestalten schließlich bedeutete unter anderem stets, auch junge Menschen einzubeziehen in die Arbeit, sie entweder als Zuschauer zu gewinnen oder selbst agieren zu lassen.

Einer der Ansätze, Jugendliche einzubinden, sind seit Beginn szenische Lesungen zu Themen, die im Zusammenhang mit den Gräueln der Nazis stehen. Menschen in Konzentrationslagern sind zu Wort gekommen, das perfide System der „Euthanasie“ wurde vorgestellt und nun hatten wir uns bereits im vergangenen Jahr darauf geeinigt, „Flucht“ in den Mittelpunkt unserer Arbeit zu stellen. Als der Entschluss fiel, war noch nicht absehbar, wie aktuell das Thema zum Zeitpunkt der Aufführungen sein würde, dass die Geschichte die Gruppe einholt und dass das Statement „Nie wieder!“ den nahezu abstrakten Gehalt, den es noch vor drei Jahren hatte, eingebüsst hat. So ist die szenische Lesung zur „Flucht seit der NS-Zeit“, die neun Jugendliche vorbereitet und auf die Bühne gebracht haben, zu einem Thema geworden, das „erinnern, mahnen, Zukunft gestalten“ hautnah für die Zuschauer macht. Hautnah durch die Aktualität, hautnah aber auch dadurch, dass die sechs Fluchtgeschichten, die die Jugendlichen erzählen, wahre Geschichten sind von Menschen, die in ihrer Umgebung leben beziehungsweise lebten und die ihnen ihre Geschichten selbst erzählten.

Sechs Leinwände sind zum Ende der Aufführung aufgedeckt. „Flucht aus Deutschland“ steht auf zweien von ihnen, „Flucht nach Deutschland“ auf den weiteren. Da sind zunächst die Rehburger Familie Hammerschlag, die 1938 flieht, um den Repressalien der Nazis zu entkommen, und das Bad Rehburger Mädchen Paula, das 1939 mit einem Kindertransport entkommen kann, deren gesamte Familie aber von den Nazis ermordet wurde. 1946 wird das Mädchen Annchen aus Pommern vertrieben, in den 1970er Jahren schickt die Familie von Thie Thien die 16-Jährige auf die Flucht aus Vietnam. Der Palästinenser Karim flüchtet als 17-Jähriger vor der Verfolgung nach Deutschland und erst im vergangenen Jahr ist der 15-Jährige Aman im Landkreis Nienburg angekommen – nach zweijähriger Flucht aus Eritrea.

Amans Appell steht am Ende der Lesung: „Bitte, habt Geduld mit mir. Helft mir bitte, damit dieses Land mein Zuhause wird!“ Ein Appell, an den sich alle anderen Flüchtlinge anschließen.
„Vom Publikum bekamen wir sehr viel positives Feedback und ich habe auch einige Tränen gesehen“, sagte Serivan Bagari, Darstellerin von Annchen und Sprecherin bei der Geschichte von Aman, zu späterer Stunde. Das war es, was die Darsteller sich gewünscht hatten und was sie erreichen wollten.

Weitere Aufführungen der Lesung „Sonst wären wir hier zu Hause“ sind in Planung. Am 4. Februar 2017 werden die Jugendlichen in Nienburg beim „Forum des Gedenkens“ auftreten. Zunächst treffen sie sich jedoch erneut am 9. November in Nienburg, wenn der Elisabeth-Weinberg-Preis im Rathaus der Stadt verliehen werden soll – sie gehören zu denjenigen, die für den Preis vorgeschlagen wurden.

Was „Flucht“ bedeutet

Einladung zu einer szenischen Lesung zu Flüchtlingen seit der NS-Zeit

Fluchtgeschichten aus den Landkreisen Nienburg und Schaumburg von der NS-Zeit bis heute erzählt die szenische Lesung „Sonst wären wir hier zu Hause“. Zu sehen ist sie am Donnerstag, 27. Oktober, 19.00 Uhr, im Nienburger Kulturwerk.

Nichts als einen Koffer nahm die 13-jährige Paula (Ülkü Kahraman) mit, als sie 1939 aus Nazi-Deutschland floh.
Nichts als einen Koffer nahm die 13-jährige Paula (Ülkü Kahraman) mit, als sie 1939 aus Nazi-Deutschland floh.

„Sonst wären wir hier zu Hause“ – das hat Jose Hammerschlag, Bürger Israels, vor einigen Jahren gesagt, als er in Rehburg zu Besuch war. „Sonst“ – wenn seine Familie 1938 nicht ihr Heil in der Flucht vor den Nazis gesucht hätte. Paula, Jüdin aus Bad Rehburg, wäre vielleicht auch noch heute hier zu Hause – ihr gelang 1939 die Flucht nach England. Die Heimat der Loccumerin Annchen wäre Pommern. Sie wurde 1946 vertrieben. Thi Thien kam 1979 aus Vietnam nach Deutschland. der Palästinenser Karim, dessen Heimat heute Nienburg ist, floh 1985 hierher. Aman bittet darum, Geduld mit ihm zu haben, damit dieses Land, in das er 2015 nach zweijähriger Flucht aus Eritrea kam, sein Zuhause werden kann.

 Zwei Jahre dauerte die Flucht des Jungen Aman von Eritrea nach Deutschland.
Zwei Jahre dauerte die Flucht des Jungen Aman von Eritrea nach Deutschland.

Das sind die sechs Fluchtgeschichten, die von Jugendlichen in der szenischen Lesung erzählt werden. Sie wiederum haben sich die Geschichten von jenen erzählen lassen, die sie selbst erlebten. Die Jugendlichen schlüpfen in die Rollen der Flüchtenden, berichten, was sie erlebt haben von Krieg und Vertreibung, was ihnen auf ihrer Flucht an Bösem und auch an Gutem widerfahren ist, erzählen von ihren Gefühlen und sagen, wie sie angekommen sind. „Das erinnert mich an die Geschichte meiner eigenen Familie“, hat eine der Jugendlichen bei den Vorbereitungen gesagt – denn manche von ihnen wissen selbst, was „Flucht“ bedeutet.

 

Begleitet wird die Inszenierung von einem Song in sechs Strophen. Jedes Schicksal hat eine eigene Strophe, gemeinsam ist ihnen der Refrain: „Irgendwann geht die Sonne auf, irgendwann hört die Suche auf – und dann sind wir zu Haus.“


Die Lesung ist ein Projekt unseres Arbeitskreises und wurde im Juni zuerst in Rehburg aufgeführt. Auf Einladung des Nienburger „Runden Tisches gegen Rassismus und rechte Gewalt“ wird sie nun ein weiteres Mal gezeigt – im Nienburger Kulturwerk. Gruppen werden gebeten, sich anzumelden im Kulturwerk unter der Nummer (0 50 21) 92 25 80.

Der Eintritt ist frei.

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