Rehburger Schulchronik

Teils in Originalen, teils in Abschriften existiert eine Chronik der Rehburger Schule, die bis auf das Jahr 1877 zurückgeht. Statistische Daten haben die Lehrer in all diesen Jahren festgehalten, aber auch manche Ereignisse aus dem Schulleben notiert. Einige dieser Einträge aus den Jahren des Nationalsozialismus geben wir hier wieder.

 

Anmerkung zu den Hervorhebungen: Die Fettung der Daten durch die Redaktion; die Unterstreichungen durch den Verfasser.

Am 5. März 1933 bewies die Stimmenzahl, die bei der Reichstagswahl für die Nationalsozialisten abgegeben wurde, daß der neue Reichskanzler, Adolf Hitler, volles Verständnis auch in Rehburg fand.

Allgemein machte sich in der Woche nach der Wahl der Wunsch geltend, die alte schwarz-weiß-rote Reichsflagge wieder bei festlichen Gelegenheiten zu hissen.

 

Am 8. März war Schulfrei wegen des schönen Sieges der nationalen Front. Am Sonntag darauf hatten alle hiesigen öffentlichen und Dienstgebäude die schwarz-weiß-roten und schwarz-weißen Fahnen ausgehängt, und im Giebel des Rathauses hing das Banner der Hitler-Bewegung zu Ehren der Gefallenen im Weltkrieg.

 

Am 21. März 1933 versammelten sich um 3/4 12 Uhr unsere Schulen im Saale des Ratskellers, um die Feiern zur Eröffnung des ersten neuen Reichstags in Potsdam anzuhören. Der auf der Bühne aufgestellte Lautsprecher der Firma Oelschläger übertrug sehr gut.

Abends um 8 Uhr nahmen unsere Schulen an dem Fackelzug teil, den die Rehburger Vereine zur Feier des großen Tages veranstalteten.

Ein Freudenfeuer beendete die Feier.

 

Am 20. April feierten sämtliche Klassen den Geburtstag des Reichskanzlers Adolf Hitler im Saal des Ratskellers.

 

Zum 1. Male wurde am 1. Mai 1933 der Tag der Arbeit feierlich begangen: morgens Schulfeier im Rathaus, nachmittags Umzug fast sämtlicher Einwohner durch den Ort, Weihe einer Hitlereiche und eines Hitler-Gedenkstein auf dem Mühlenberg. Der Bürgermeister hielt die Weiherede, der gemischte Chor und der Männergesangverein sangen Lieder.

 

Zur feierlichen Einführung des preußischen Staatsrats der neuen Regierung war am 15. September 1933 Schulfeier im 1. Klassenraum. Die obersten 4 Jahrgänge hörten die Übertragung aus Berlin. Die Grundschule hatte keinen Unterricht.

 

12. November 1933: Bis auf 10 Wahlberechtigte wählten alle Rehburger zum Reichstag und zum Volksentscheid. Abends vorher Fackelzug durch Rehburg als Einleitung des Wahltages, gleichzeitig ein Bekenntnis Rehburgs zu Adolf Hitler.

 

15. November 1933: Die Klassen I - III waren zur Aufführung von „S.-A.-Mann Brand“ nach Loccum.

 

18. Januar 1934: Reichsgründungsfeier der 4 oberen Jahrgänge; im übrigen schulfrei.

 

26. Januar 1934: 16 Schüler der ersten Klasse sammeln zur Winterhilfe für das Deutschtum im Auslande und erzielten den schönen Betrag von 43,30 RM, die lt. beifolgender Quittung am 27. Januar an Herrn Kasch, den Ortsgruppenwalter der N.S.-Wohlfahrt abgeliefert wurden.

 

Der „Heimatbeobachter“ der nationalsozialistischen Tageszeitung (NTZ), die seit einem halben Jahre auch in Rehburg die meistgelesene Zeitung ist, brachte zu Ostern 1934 folgende Beiträge:

Bad Rehburg. Das Winter­hilfs­werk in Rehburg. Auf der Mit­glieder­ver­samm­lung der N. S. Volks­wohl­fahrt Orts­gruppe Stadt Rehburg am Diens­tag­abend im Hotel Tegtmeier gab der Orts­grup­pen­amts­walter Kasch, Stadt Rehburg, das Ergebnis des Winter­hilfs­werks für die Orte: Stadt Rehburg, Bad Rehburg und Winzlar, die gemeinsam eine Ortsg­ruppe bilden, bekannt. Es sind gespendet worden:
793 Zentner Kartoffeln, 133,7 Zentner Roggen, 3 Zentner Mehl, 16,4 Zentner Hülsen­früchte, 44 Zentner Steck­rüben, 14 Zentner Obst (das von der Frauen­schaft konserviert worden ist), 6,38 Zentner ver­schiedene Kolo­nial­waren, 0,3 Zentner Schmalz, 4,57 Zentner Fleisch und Räucher­waren, 65 Dosen Wurst­­kon­serven, 4 Zentner verschiedene Kolonial­waren, 2 Schweine zu je 3 Zentner, diverse Klei­dungs­stücke, 1363,65 Mk. Bargeld, zu dieser Summe kommen noch weitere 373,15 Mk., die von der Vik­to­ria-Luise-Stiftung und vom Kurhaus Lohr für das Ein­topf­gericht direkt abgeführt sind und darum im Gesamt­ergeb­nis der Ortsgruppe nicht enthalten sind.
Für die rege Mitarbeit der Mitglieder an dem guten Gelingen des Winterhilfswerkes im Orts­grup­pen­be­reich sprach der Orts­grup­pen­amts­wart seinen herzlichen Dank aus. Nachdem in einem Vortrag über die Aufgaben der N. S. V. berichtet war, wurde zur regen Weiter­arbeit und Mit­glieder­werbung aufgefordert.

Am 2. August 1934 hörte die 1. Klasse durch Radio die Meldung vom Hinscheiden des Herrn Reichspräsidenten von Hindenburg.

 

Am 4. August war der erste Staatsjugendtag.

 

Am Montag, dem 6. August, wurde zufolge Anordnung des Reichserziehungsministers Rust bis 12 Uhr unterrichtet. Dann hörten die 1., 2. und 3. Klasse (4. - 8. Schulj.) in ihren Klassen durch die Lautsprecher ihrer Lehrer die Übertragung der Trauerfeier des Reichstages. Der Reichskanzler Adolf Hitler sprach. Seine Rede wurde von Trauermusik umrahmt.

Am Tage der Beisetzung Hindenburgs (7. Aug. 1934) fiel der Unterricht in sämtlichen Schulen Deutschlands aus. Die Kinder hörten die Übertragung der großen nationalen Trauerfeier am Tannenberg-Nationaldenkmal vorm. 11 Uhr.

 

Am 31. Okt. 1934 hielt nachmittags der Landespressewart Bayern des W.D.R., Herr Paul Erich Petzold, den Klassen der Oberstufe einen Vortrag über das Thema „Brennende Grenzen“.

 

Den Film „Triumph des Willens“ sah die Oberstufe am 5.6.1935 in Bad Rehburg.

 

Reichstagswahl am 29.3. [1936, d. Red.] - Stadt Rehburg wählte zu 100 %.

Alle gaben die Stimme dem Führer? (1067 Stimmen).

 

Jugendbewegung. (Schreiben vom 18.5.) Schule wird ermächtigt, die HJ-Fahne zu hissen, da alle Kinder der Oberstufe (100%) organisiert sind! Die feierliche Hissung der HJ.-Fahne erfolgte am 4. Juli 1936. Schulleiter nicht anwesend.

 

4. September 1937: Die Oberstufe der Schule machte einen Ausflug nach Hannover, besichtigte die Schau „Gau am Werk“.

 

1. November 1937: Der Bürgermeister der Stadt Meßwarb feierte sein 25-jähriges Amtsjubiläum, gleichzeitig war er auch 25 Jahre Vorsitzender vom Schulvorstand. Der Fackelzug am Abend, an dem sich ganz Rehburg beteiligte, zeigte die große Beliebtheit des Stadtoberhauptes.

Mitte November wurde der Uhrturm (Jägerstraße) durch den Bürgermeister eingeweiht. (Landrat und Kreisleiter waren auch zugegen.)

 

Schülerbücherei: Es wurde der Grundstock gelegt zu einer neuen nat. soz. Schülerbücherei mit 43 Bänden. (Verausgabt wurden dafür etwa 146 RM)

 

1. April 1938: Bürgermeister Ernst Meßwarb trat infolge Erreichung der Altersgrenze in den Ruhestand.

 

10. April 1938: Die Stadt Rehburg gab dem Führer am Tage der Schaffung Großdeutschlands zu 100 % die Ja-Stimme! ?

 

30. April 1938: Der von der Regierung bestätigte neue Bürgermeister Joseph Günther aus Nienburg wird in seinem Amt eingeführt.

Die Einführung fand im Ratskellersaal durch Kreisleiter Nies und Landrat Dr. Ohnesorge statt.

 

1. Mai 1938: Der neu ernannte Bürgermeister Günther hielt die Ansprache. Am Festzug beteiligte sich jedes Haus.

 

10.9.1938: Kampf dem Weltjudentum.

(Verbrecherischer Mord in Paris an dem deutschen Gesandtschaftsrat v. Rath).

Hier sind noch 5 jüdische Familien wohnhaft, während eine im Laufe des Sommers auswanderte, alle fleißig und harmlos.

Die SA durchsuchte die Wohnungen am 10.9.38 vormittags. Man fand nichts Bedeutendes. Die Synagoge hier wurde ausgeräumt (zerschlagen), das Gerümpel auf dem Marktplatz verbrannt.

(Bemerk.: Der Schreiber dieser Chronik war am 10.9.38 mit seiner Familie verreist.)

[Anmerkung der Redaktion: in der Chronik ist tatsächlich der 10. September verzeichnet als Tag der Pogromnacht. Der Schreiber muss sich in diesem Fall schlicht und einfach im Datum getäuscht haben]

 

1. Mobilmachung: In der Nacht vom 25./26. August [1939, d. Red.] wurden hier mehr als 100 Kriegsbeordnungen zugestellt. Die größte Zahl musste sich in Stolzenau, Nienburg, Holtorf, Hämelheide usw. melden. Es handelte sich um die Männer von 40 - 45 Jahren. Auch Lehrer Bell wurde am 27. 8. eingezogen.

 

September 1939: Vom 1. - 8. fiel der Unterricht wegen Luftgefahr aus. Dann übernahm Lehrer Schwarze die gesamte Oberstufe, Lehrerin Mertelsmann die Grundschule und Lehrer Dangers vertrat in Winzlar.

 

2. Septembermonat in Rehburg: Die Stimmung war anfänglich sehr gedrückt. Da die Männer größtenteils in der Nähe blieben, fuhren die Frauen fast täglich hin, um sie zu besuchen. (An der Front in Polen waren nur wenige von hier.) Allmählich beruhigte man sich. Wissen doch die Frauen, daß sie von nun an doppelt ihre Pflicht zu tun haben. Auch die Hilfsbereitschaft der Volksgemeinschaft kam überall zum Durchbruch, besonders beim Einbringen der Ernte, beim Dreschen usw. Wie überall, so kamen auch hier die Lebensmittelkarten sofort in Gebrauch, und alles wickelte sich reibungslos ab. Außerordentlich nervös war die Bevölkerung anfänglich, wenn Fliegeralarm kam. In der Nacht vom 3./4. September überflogen englische Flugzeuge auch Rehburg und warfen Flugblätter ab, die besonders im Moor und auf dem Mühlenberg gefunden wurden. Sie enthielten denselben Sinn wie 1918, indem man Führer und Volk zu trennen versuchte.

Als dann am 4.9. während des Angriffes englischer Bomber auf Wilhelmshaven wirklich Alarm geblasen wurde, zeigte sich eine bemerkenswerte Unruhe, besonders aber bei den sogenannten „Luftschutzleitern“! Man sprach von der Ankunft der Franzosen beim Heidtor und der Engländer beim Mühlenberg!! Wenige Tage später gab es zum 2. Male Alarm, als die Engländer wiederum Flugblätter über Hannover landeten. Die Rehburger waren jedoch viel ruhiger, besonders auch seit der Rede Hermann Görings, der mit der Nervosität gewisser abrechnete. Jedoch haben die „Alarme“ ihr Gutes; denn die Bewohner gewöhnen sich an ihre Schutzkeller und richten sich ein.

Von Verlusten innerhalb der Stadtgemeinde, auch in den Nachbardörfern wurde im Verlaufe des Monats nichts bekannt. Zusammengefasst kann gesagt werden: Kein Hurra - Patriotismus wie 1914, keine Siegesfeier, kein Schulfrei!

Die Menschen sind ernst, verfolgen mit Stolz die großen Erfolge im Osten! Abends ist der ganze Ort dunkel; jeder ist mit seinen Gedanken bei der kämpfenden Truppe, die sich einsetzt für Heimat und Vaterland! Die Jugend im Alter von 14 - 20 Jahren lässt es teilweise an dem nötigen Ernst fehlen!!

Der Polenfeldzug brachte Rehburg keinerlei Verluste, auch keine Verletzten.

 

Kriegsjahr 1942

Der Ort hat 2 Gefangenenlager.

 

Wie überall im Reiche, so wurde auch hier am 18.10.1944 der Volkssturm aufgerufen. Die Vereidigung erfolgte durch den Ortsgruppenleiter am 9.11.1944 auf dem Mühlenberge. Kompanieführer wurde Meyer 223, der Lehrer Bell Kompaniefeldwebel. An Sonntagen fand der sogenannte Dienst statt. Der Volkssturm kann von vornherein als eine „Totgeburt“ bezeichnet werden, da bis auf 6 „holländische“ Gewehre alle Waffen fehlten. Außerdem hatten die zum Volkssturm einberufenen Männer nicht die geringste Lust.

 

Anfang März 1945 wurden unsere Schulklassen 3 und 4 sowie das Gebäude mit Turnhalle belegt durch junge Soldaten der Jahrgänge 1928/29 die hier ausgebildet werden sollten. Es handelte sich tatsächlich noch um Kinder.

 

In der Nacht vom 7. zum 8. April wurde auch unser Ort stark beschossen und zwar von Geschützen, die im Loccumer Walde standen. Mehrere hundert Geschosse gingen über Rehburg-Stadt nieder und beschädigten viele Dächer und zertrümmerten die Fensterscheiben. Ein Brand entstand nicht, auch Opfer unter der Bevölkerung sind nicht zu beklagen. In der genannten Nacht lag eine deutsche Kompanie in Rehburg und hatte anfänglich die Absicht, in der Stadt ihre Panzerfäuste abzuschießen, besonders an der Panzersperre beim Ratskeller. In der Frühe aber rückten die deutschen Soldaten nach dem Buchholz ab, als die Panzer von Loccum heran rollten.

Um 7 Uhr stand der erste Panzer an der Sperre beim Meerbach. Ein Schreckschuß fiel. Die Anwohner beseitigten die eingelegten Sperrbalken. Die Panzer rollten auf den Marktplatz und teilten sich Schmiedestraße und Heidtorstraße.

Fast von allen Häusern mit geringen Ausnahmen wehten die weißen Tücher. Dazu winkte die Bevölkerung mit weißen Taschentüchern.

Abgesessene englische Soldaten untersuchten die Häuser nach deutschen Truppen.

Die englischen Panzer fuhren weiter und teilten sich an der Ecke Mardorfer Straße nach Mardorf und Husum. Im Buchholz hatten sich deutsche Soldaten zur Verteidigung eingerichtet. Es war deutscherseits gegen eine derartige Übermacht nichts zu machen, obgleich in der nachfolgenden Woche der Widerstand im Buchholz noch immer bemerkbar war.

 

Im Monat April hatten wir in vielen Privathäusern englische Besatzung, die sich aber anständig verhielt.

Die Schulräume in den Gebäuden 53 und 128 blieben den ganzen Sommer über belegt. Es waren Straßenbaukommandos. Das Schulhaus 70 hatte zuerst polnische Insassen, die aber im Laufe des Sommers in Sammellagern untergebracht wurden, bis dann im Laufe des Sommers englische Polizei das Gebäude übernahm, die jedoch auch im Herbst schon wieder abzog, so daß Rehburg ab Herbst 1945 ohne englische Soldaten war.

Über Plünderungen bis auf Einzelfälle, von Polen ausgeführt, kann man sich im Allgemeinen in Rehburg nicht beklagen.

 

Die deutschen Kriegsgefangenen kehrten nach und nach zurück, doch fehlen noch sehr viele. Mancher Verlust wurde auch noch gemeldet von Rehburgern, die noch in den letzten Kämpfen ihr Leben lassen mussten. Mancher Soldat, der hier im Sommer 1945 durchkam, blieb in Rehburg. Ebenso begann auch nach und nach der Zustrom von Flüchtlingen aus dem Osten, während ein Großteil der nach hier evakuierten Hannoveraner in ihre Heimatstadt zurück kehrten.

 

Mit dem Einrücken der Engländer wurde der Bürgermeister und Ortsgruppenführer Diele abgesetzt. Zunächst verwaltete das Amt der stellvertretende Bürgermeister Christian Schmidt, bis im Juni 1946 der Finanzbeamte Heinrich Gewecke aus Hannover zum Bürgermeister der Stadt berufen wurde. Auch ein beratender Ausschuß aus 15 Mitgliedern wurde im Frühjahr 1946 ernannt. Nach der neuen Gemeindeordnung übernahm Herr Gewecke das Amt eines Stadtdirektors, während man Heinrich Suer 234 zum Bürgermeister von Rehburg wählte.

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