Kriegsende in Loccum

 

 

Konrad Droste (1922 – 2015) hat viele Jahre in Loccum gelebt und sich intensiv mit der Geschichte „seines“ Dorfes auseinandergesetzt. In seinem Buch „Loccum – Ein Dorf – Das Kloster – Der Wald“ widmete er ein Kapitel auch dem Kriegsende in Loccum. Auszüge daraus veröffentlichen wir hier:

 

 7.4.1945 – Loccum wird verteidigt

 

 … Im März 1945 überwanden die Engländer bei Wesel den Rhein und standen am Mittag des 5.4.1945 mit ihren Panzerspitzen bei Petershagen und Schlüsselburg an der Weser, sechs Kilometer von Loccum entfernt. …

 

Am Samstag, dem 7. April 1945, wurde auch Loccum Frontgebiet. Die nur in der Vorstellung durchhaltebereiter NS-Funktionäre existierende „Weserfront“ sollte hier von schnell zusammengestellten Einheiten verteidigt werden. Dazu gehörten im Raum Loccum als einzige mit schweren Waffen ausgerüstete Gruppe Teile einer 8,8 cm Flakbatterie mit kaum ausgebildeten Arbeitsdienst-Angehörigen in brauner Uniform und gelben Armbinden mit der Aufschrift „Deutsche Wehrmacht“. … Die gesamte Einheit hatte in der Ziegelei auf „Dörgers Kamp“ Stellung bezogen. Das Rückgrat der Verteidigung sollten junge, kaum ausgebildete Grenadiere der 12. SS-Panzerdivision „Hitlerjugend“ bilden, denen lediglich Maschinengewehre, Handfeuerwaffen und Panzerfäuste zur Verfügung standen. … Verstärkt wurden diese Einheiten durch Marine-Offizier-Schüler, denen jede Erdkampferfahrung fehlte. Dazu kamen versprengte Teile von regulären verbänden der vom Rhein her zurückflutenden Truppen.

 

Im Dorf selbst versah seit der Einberufung von Bürgermeister und Ortsgruppenleiter Friedrich Busche zur Wehrmacht im Jahr 1939 der bisherige stellvertretende Ortsgruppenleiter Bohnhorst das höchste örtliche Parteiamt. Die SS hatte Kommando-Stellen im Hotel Beushausen und im haus der nachmaligen Apotheke am Markt.

 

Dass Loccum als offenes Dorf verteidigt wurde, hat zwei wesentliche Ursachen. Zum einen lagen hier ideologisch auf den „Endkampf“ vorbereitete SS-Offiziere. Zum anderen gab es mit Ortsgruppenleiter Bohnhorst einen entschlossenen Parteifunktionär, der noch am Vormittag des 7.4.1945 in Uniform die Flakstellung besuchte und die jungen Arbeitsdienst-Soldaten zum Durchhalten ermunterte.

 

Als wenige Stunden später die Panzer vor seinem Haus am Marktplatz auffuhren, saß er in Zivilkleidung bei Kobergs im Keller. …

 

Die bei Petershagen über die Weser gelangten Panzer hatten sich am Vormittag von Seelenfeld her und aus Richtung Wasserstraße dem Dorf genähert.

 

Einer der ersten Loccumer, der mit ihnen in Berührung kam, war der damals im Lufttanklager der Loccumer Heide beschäftigte Tischlermeister Heinrich Wilhelm, der auch dort gefangen genommen wurde.

 

Dieses Erlebnis geriet ihm später in der Verklärung der Nachkriegszeit gelegentlich zur „Übergabe der Loccumer Heide“.

 

Zu dieser Zeit standen dichte Rauchwolken über dem Lager, das zwei tage vorher von den eigenen Bewachungsmannschaften gesprengt worden war. Schon einen Tag später und auch noch kurz vor dem Einmarsch versorgten sich hier zahlreiche Loccumer mit Schmierölen, Werkzeugen und Gebrauchsgegenständen, die es im freien Handel seit Kriegsbeginn nicht mehr gegeben hatte.

 

Als die englische Panzereinheit am Westrand des Dorfes durch die zunächst hinter dem Bahndamm in Stellung liegenden deutschen Kräfte und vor allem durch die Flak-Artillerie Widerstand spürte, wurde das Dorf mit Panzergranaten beschossen.

 

18 Anwesen brannten nieder, aber auch vier Panzer und sieben gepanzerte Fahrzeuge verlor die englische Vorhut. Dieser ebenso sinnlose wie auch vergebliche Widerstand forderte auf beiden Seiten Opfer. …

 

In Loccum war zumindest Klosterpächter und Volkssturm-Führer Ernst Voigt einsichtig genug, seine aus alten Loccumern und Hitlerjungen zusammengewürfelte Mannschaft nach Hause zu schicken, als die ersten Panzergeräusche hörbar waren.

 

In ihren Kellern, soweit solche überhaupt vorhanden waren, oder in eigens gebauten Unterständen überlebte ein großer Teil der Loccumer Bevölkerung diese Stunden. Viele hatten auch Schutz im Kloster gefunden oder waren in dorfnahe Waldgebiete ausgewichen.

 

Die englische Panzereinheit hatte sich gegen 11.15 Uhr zum Marktplatz durchgekämpft. Beim Versuch, weiter in Richtung Rehburg vorzustoßen, erfolgte aus dem zur zweiten dörflichen Verteidigungslinie bestimmten Bahndamm Münchehagen-Loccum-Leese erneut heftiger Widerstand.

 

Als letztes der damals eingeäscherten Häuser brannte am Spätnachmittag das Anwesen Schumacher 299 (heute Frankenstraße) ab. Dazu erinnert sich der damals zehnjährige Gerd Graf noch: „Das Haus wurde von einem 8,8 cm-Geschoss der deutschen Verteidiger in Brand geschossen. Die auf der Leeser Höhe liegende Batterie hatte vermutlich Lampes Backhaus treffen wollen, da der Bewohner dieses Hauses, ein flämischer Dienstverpflichteter, eine weiße Flagge gehisst hatte, die in der Mitte durchgeschossen wurde.“

 

Erst gegen Abend trat Kampfesruhe ein, nachdem sich die schwachen deutschen Kräfte in Richtung Rehburg abgesetzt hatten. Sechs Gefallene bei den Engländern und 15 Soldaten auf deutscher Seite waren allein an diesem für Loccum letzten Kriegstage die Verluste der kämpfenden Verbände. Der offizielle Waffenstillstand trat erst am 8.5.1945 in Kraft. …

 

 

Im Folgenden berichtet Droste von den Soldaten, die von Loccum nach Rehburg zogen, um dort den Vormarsch der Briten aufzuhalten. Lesen Sie dazu bitte unter den Ereignissen zum Kriegsende in Rehburg mehr.

 

Weiter …

 

 

Lehrer Hampe berichtet in der Loccumer Schulchronik:

 

 Jeder Ort, jedes Haus sollte in eine Festung umgewandelt werden, um den Feind aufzuhalten.

 

Auch in Loccum wurde der Volkssturm alarmiert, um Panzersperren und Panzergräben zu bauen.

 

Eine Panzersperre wurde an der Bahnunterführung im Ort (Straße nach Rehburg), eine andere außerhalb des Ortes, da, wo die Eisenbahn die Straße nach Leese überquert, gebaut. Die Eisenbahnbrücke am Ortsausgang nach Münchehagen wurde zur Sprengung vorbereitet.

 

Tag und Nacht wurden an diesen Stellen Wachen aufgestellt. Kläglich war die Bewaffnung der Wachen. 12 Panzerfäuste wurden verteilt. Ihre Handhabung verstand fast keiner.

 

 Die Ereignisse überstürzten sich. Kanonendonner war schon deutlich zu vernehmen. Das Reservelazarett im Kloster rüstete zum Aufbruch. Die Verwundeten wurden nach Dorum abtransportiert. Gleichzeitig wurde ein Kriegslazarett der 1. Fallschirm-Armee von Minden nach Loccum verlegt.

 

Jeder im Kloster verfügbare Raum, sogar der „Elefant“ und sämtliche Klassenräume, wurden belegt. Rot-Kreuz-Fahrzeuge schafften immer mehr Verwundete heran. Aber schon zwei Tage später wurden die verwundeten Soldaten mit Lazarettfahrzeugen nach Stade gebracht. Nur eine geringe Anzahl von Schwerverwundeten, Ärzten und Lazarettpersonal blieben hier.

 

Loccum bekam immer mehr ein kriegerisches Aussehen. Panzer und schwere Geschütze durchrasselten den Ort, von Schlüsselburg, Seelenfeld und Stolzenau kommend, in Richtung Hannover.

 

Gleichzeitig rückten SS-Formationen auf Fahrrädern ein, um die bei Wasserstraße und Schlüsselburg gebildeten Brückenköpfe zu verstärken, den Feind – wie es hieß – aufzuhalten, um so den Rückzug schwerer Waffen zu decken.

 

 Schwere Flak wurde aufgestellt auf der „Leeser Höhe“ und am Ausgang des Ortes nach Seelenfeld.

 

Man hatte zunächst vor, das Tanklager in der Loccumer Heide zu verteidigen. Aber der Plan wurde aufgegeben. Bald erschütterten gewaltige Detonationen die Luft. Ein Tank nach dem anderen flog in die Luft, dicke schwarze Rauchwolken stiegen auf, des Nachts sich in rote Feuersäulen verwandelnd, die über den ganzen Ort einen hellen Lichtschein ausbreiteten. Das Laboratorium und die Werkstatt gingen in Flammen auf. Millionenwerte wurden in kürzester Zeit vernichtet.

 

 Bald hieß es: „Hundert feindliche Panzer stehen jenseits der Weser bei Schlüsselburg zum Angriff bereit.“ Das Kampfgetöse wurde immer lauter. Bange Fragen wurden laut. Was werden uns die nächsten Stunden bringen? Wie wird es möglich sein, den Feind an der Weser aufzuhalten? Wird unser schönes Loccum ein Trümmerfeld werden? Wo sind unsere Panzer, unsere Flugzeuge?

 

Inzwischen war es dem Feind gelungen, bei Schlüsselburg eine Notbrücke über die Weser zu schlagen. Nun gab es kein Halten mehr, die feindlichen Panzer rollten heran.

 

 In der Mittagszeit des 7. April vernahm man plötzlich das Rattern der Maschinengewehre, Granaten schlugen im Westteil des Ortes ein.

 

Loccum sollte nun verteidigt werden. So wollte es der Kommandeur der SS. Dieser Wahnsinnstat fielen dann auch einige Häuser zum Opfer. Völlig zerstört und bis auf die Umfassungsmauern abgebrannt waren (19 Häuser).

 

Es war völlig unmöglich, die Feuerbrände zu löschen. Niemand wagte sich auf die Straße. Granaten schlugen hier und da ein, Maschinengewehrkugeln pfiffen die Straße entlang. Jeder hielt es für ratsam, im Keller oder auch im Bunker abzuwarten, bis die Feuerwalze über den Ort hinweggegangen war.

Das Verlassen des Schutzraumes während der Kampfhandlungen wurde zwei Einwohnern Loccums zum Verhängnis.Frau Bultmann 255 und Wilhelm Heidorn 198 wurden, als sie ins Freie traten, durch Granatsplitter schwer getroffen. Während Frau Bultmann sofort tot war, starb Herr Heidorn an den Folgen seiner Verwundung nach drei Tagen im Lazarett.

 

 Eine große Anzahl der Einwohner hatte im Kloster Schutz gesucht. Hinter den dicken Klostermauern und in der Nähe des Lazaretts glaubte sich jeder geborgen. Zum Glück blieben auch die Kirche und die Klostergebäude von einschlagenden Granaten verschont.

 

Vor dem Hauptgebäude, vor der Kirche und auf dem Hofe waren einige Geschosse kleineren Kalibers niedergegangen. Sie hatten außer der Zertrümmerung einer Anzahl Fensterscheiben und Dachziegeln keinen größeren Schaden angerichtet. Alle vier Schulgebäude blieben unversehrt.

 

 Gegen 16 Uhr zeigten sich dann die ersten Infanteristen, nachdem leichte und schwere Panzer in Richtung Hannover gerollt waren. Jedes Gehöft wurde von der britischen Infanterie „abgekämmt“, jedes Haus genauestens durchsucht. Verschlossene Türen und Schränke wurden gewaltsam geöffnet und alles durchsucht. Man wollte Beute machen. Besonders begehrt waren Gold- und Silbersachen, Uhren und photographische Apparate.

 

Auch sämtliche Schulgebäude wurden aufgebrochen. Leider nutzten auch einige Einheimische die Gelegenheit und „räuberten“. So verschwanden fast alle Lederbälle aus den aufgebrochenen Schränken im Konfirmandensaal. 

 

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