Kriegsende in Rehburg

Zum Kriegsende in Rehburg haben wir hier mehrere Dokumente hinterlegt.

Zunächst  die Erinnerungen von Rehburgs Pfarramtssekretärin Gertrud Fürchtenicht.

Darauf folgen  Auszüge aus dem Buch des Loccumers Konrad Droste "Loccum - Ein Dorf - Das Kloster - Der Wald".

Ein Auszug aus dem Buch von Hermann Kleinebenne "Die Weserlinie - Kriegsende 1945" sowie ein Auszug aus der Rehburger Schulchronik schließen sich an.

Alle Auszüge  auf dieser Seite lassen wir unkommentiert stehen - auch und gerade weil sie sich teilweise widersprechen. 

Erinnerungen der Pfarramtssekretärin

 

Gertrud Fürchtenicht ist in der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Rehburg viele Jahre Pfarramtssekretärin gewesen. Im Jahr 1978 schrieb sie ihre Erinnerungen an die Amtszeit von Pastor Hapke auf, der vom 1. Juli 1942 bis zu seinem Tod am 7. August 1970 der Rehburger Gemeinde vorstand.

 

Unter anderem hat sie ihre Erinnerungen an das Kriegsende im April 1945 in Rehburg festgehalten:

 

 Anfang April rückte die Front immer näher. Die deutschen Soldaten hatten die Weserbrücke bei Stolzenau vor ihrem Rückzug noch gesprengt, aber das ja für die Engländer absolut kein Hindernis. Innerhalb von zwei Stunden war schon eine Behelfsbrücke hergestellt und die feindlichen Truppen konnten ungehindert herüber. Am Nachmittag des 7. April bekam Rehburg von Westen her Artilleriebeschuss. Viele Rehburger zogen daraufhin, mit dem Pferdewagen und einem Teil ihrer Habe (Betten) in den Wald, um dort Schutz zu suchen. In der Nacht wurde der Beschuss erheblich stärker. Die heranrückenden Engländer hatten den Kirchturm zum Ziel, weil sie festgestellt hatten, dass zwei Tage zuvor eine SS-Einheit auf dem Kirchturm eine Telefonzentrale eingerichtet hatte, die aber beim plötzlichen Rückzug wieder abgebaut wurde.

 

 Das Pfarrhaus wurde in jener Nacht stark beschädigt. Es waren zum Teil Türen und Fenster herausgerissen, Lampen zersplittert und Möbel beschädigt. Pfarrhof und Kirchplatz lagen voller Geschosssplitter. Der Familie Hapke, samt den Evakuierten, war außer Angst und Schrecken nichts passiert, da der tiefe Gewölbekeller einigen Schutz bot. Als der alte Bauer Dökel, Ecke Schmiedestraße, einmal in der Nacht kurz aus seinem Hause schaute, ist er anschließend schreckensbleich zu seinen Angehörigen zurückgekommen und hat gesagt: „Im Pfarrhaus kann keiner mehr leben, da ist eben eine ganz schwere Salve hineingerasselt.“ Aber es konnte sich ja niemand hinauswagen. Da hörten wir plötzlich über uns das Getrampel von schweren Stiefeln und dachten – aus, die Engländer kommen. Doch dann hörten wir eine Stimme immer nach unserem Herrn Pastor rufen und erkannten Herrn Dökel und wir meldeten uns im Keller. Diesem alten, treuen Mann hatte der Gedanke keine Ruhe gelassen, ob im Pfarrhaus vielleicht doch noch Hilfe nötig sei und so war er einfach losgelaufen und war auch glücklich herübergekommen. Er freute sich sehr, uns alle lebend vorzufinden, aber er musste dann bei uns im Keller bleiben bis es hell wurde und der Beschuss aufhörte. …

 

 Als die Engländer am 8. April früh einrückten, musste Herr Hapke sofort mit zwei englischen Soldaten auf den Kirchturm, um zu zeigen, dass kein SS Soldat mehr oben war. Auch Pfarrhaus und Kirche wurden vom Keller bis zum Boden gründlich nach SS-Männern durchsucht. Ein Rest der Einheit hatte sich in der Nachbarschaft versteckt, wurde aber gefunden und kam in die Gefangenschaft.

 

 Als Mitte April die Kampfhandlungen in unserem Gebiet beendet waren, wurde Herr Hapke eines Morgens unter starker Bewachung in einem englischen Jeep zum Wald in Richtung Nienburg gefahren. Am Waldrand warteten schon Rehburger Einwohner, die der NSDAP angehört hatten, und mussten nun unter Aufsicht und Anleitung von Pastor Hapke die noch in den letzten Tagen gefallenen und meistens noch in ihren „ Ein-Mann-Löchern“ steckenden deutschen Soldaten – oder was von ihnen noch übrig geblieben war - zusammensuchen, auf einen Ackerwagen laden und zum Rehburger Friedhof fahren. Es war eine grausige Arbeit, denn vielen Gefallen war der Kopf abgerissen. Es waren dort neuartige Streugeschosse verwendet worden, die ungefähr acht bis zehn Meter über dem Erdboden explodierten und gegen die es fast keinen Schutz gab. Zu diesen armen Kerlen, die dort zuletzt noch sinnlos ihr Leben lassen mussten, gehörte auch unser Orgelspieler! Es wurden noch 15 Soldaten gefunden und Herr Hapke hat sie noch am selben Tag beerdigt. Sie waren alle nur in eine Decke eingeschlagen, bekamen aber auf Anordnung des Kirchenvorstandes alle Einzelgräber. …

 

 

Recherchen des Stadt-Chronisten

 

 Konrad Droste (1922 – 2015) hat viele Jahre in Loccum gelebt und sich intensiv mit der Geschichte Rehburg-Loccums auseinandergesetzt. In seinem Buch „Loccum – Ein Dorf – Das Kloster – Der Wald“ widmete er ein Kapitel auch dem Kriegsende in Loccum und Rehburg. Auszüge daraus veröffentlichen wir hier:

 

 … Angehörige derselben Einheit, die damals (7.4.1945) als meist junge 17-18-jährige freiwillige Soldaten Loccum verteidigen mussten, wurden einen Tag später Opfer eines völlig völkerrechtswidrigen Übergriffs durch englische Soldaten im Rehburger Moor. Die jungen deutschen Soldaten lagen am 8.4.1945 nördlich von Rehburg in Stellung, wo die Straße nach Husum in den Wald führt, damals ein unübersichtliches Gelände mit Heide, Kiefernbüschen und Birken.

 

Sie gerieten in Gefangenschaft, nachdem dort zuvor der Kommandeur der englischen Einheit auf dem Führungspanzer tödlich getroffen worden war, als er mit einem Fernglas das Gelände absuchte.

 

Im Holzschuppen des Rehburger Tischlers Schmidt hat man hernach die deutschen Gefangenen festgesetzt.

 

In der Dämmerung des anderen Morgens (9.4.1945) musste er als Ortskundiger den Engländern, die ihre Gefangenen auf einen Lkw verfrachtet hatten, einen fahrbaren Weg ins Rehburger Moor zeigen. Dort wurde er Zeuge eines grauenhaften Gemetzels, dem die Gefangenen zum Opfer fielen.

 

Die Toten wurden später auf die Kriegsbegräbnisstätte nach Husum überführt. Zuvor hatte sie der Tischlermeister bei Nacht und unter Mithilfe eines Vertrauten mit einem Kuhgespann aus dem Moor geholt und auf dem Rehburger Friedhof bestatten lassen.

 

 Als Quelle für diese Überlieferung führt Konrad Droste den Bruder des Tischlermeisters, Ernst Schmidt, Husum, an.

 

Ein Auszug aus der Rehburger Schulchronik

 

In der Nacht vom 7. zum 8. April (1945) wurde auch unser Ort stark beschossen und zwar von Geschützen, die im Loccumer Walde standen. Mehrere hundert Geschosse gingen über Rehburg-Stadt nieder und beschädigten viele Dächer und zertrümmerten die Fensterscheiben. Ein Brand entstand nicht, auch Opfer unter der Bevölkerung sind nicht zu beklagen. In der genannten Nacht lag eine deutsche Kompanie in Rehburg und hatte anfänglich die Absicht, in der Stadt ihre Panzerfäuste abzuschießen, besonders an der Panzersperre beim Ratskeller. In der Frühe aber rückten die deutschen Soldaten nach dem Buchholz ab, als die Panzer von Loccum heran rollten.

Um 7 Uhr stand der erste Panzer an der Sperre beim Meerbach. Ein Schreckschuss fiel. Die Anwohner beseitigten die eingelegten Sperrbalken. Die Panzer rollten auf den Marktplatz und teilten sich Schmiedestraße und Heidtorstraße.

Fast von allen Häusern mit geringen Ausnahmen wehten die weißen Tücher. Dazu winkte die Bevölkerung mit weißen Taschentüchern.

Abgesessene englische Soldaten untersuchten die Häuser nach deutschen Truppen.

Die englischen Panzer fuhren weiter und teilten sich an der Ecke Mardorfer Straße nach Mardorf und Husum. Im Buchholz hatten sich deutsche Soldaten zur Verteidigung eingerichtet. Es war deutscherseits gegen eine derartige Übermacht nichts zu machen, obgleich in der nachfolgenden Woche der Widerstand im Buchholz noch immer bemerkbar war.

 

 

Recherchen zur „Weserlinie“

 

 Auf das Kriegsende in Rehburg nimmt auch Hermann Kleinebenne in seinem Buch „Die Weserlinie – Kriegsende 1945“, erschienen 1998, Bezug. Kleinebenne hat mehrere Bücher verfasst und ist ehemaliger Stadtheimatpfleger der Stadt Petershagen.

 

Er berichtet von weiteren Details dessen, was direkt in der Stadt Rehburg geschah, und erwähnt auch das Kapitel, das sich in Rehburgs „Buchholz“ abspielte:

 

 Auszug 2. Teil, Kapitel VII., Sonntag, 8. April 1945, Zu den Ereignissen in Rehburg, Seite 319ff:

 

 Um 07.00 Uhr dringen die Kampfpanzer … aus Richtung Loccum in die Ortschaft Rehburg ein. Die Gemeinde hat durch Artilleriefeuer viele Gebäudeschäden erlitten.

 

Im Ortszentrum in Höhe der Meerbach-Brücke ist durch deutsche Soldaten oder Angehörige der Waffen-SS eine behelfsmäßige und ungesicherte Straßensperre aus Holzbalken angelegt worden. Sie wird noch vor Eintreffen der britischen Panzer weitgehend entfernt, die Stelle von den britischen Kampfpanzern nach einem Warnschuss aus der Kanone ohne Zwischenfälle durchfahren. Nach Angabe des Chronisten wird die Ortschaft Rehburg durch den stellvertretenden Bürgermeister und Ratsherrn Christian Schmidt an der Panzersperre (oder in der Schmiedestraße?) unter dem Schutz der weißen Fahne übergeben.

 

Die Ortschaft Rehburg wird zumindest zum Teil durchkämmt. Dazu gehören auch das durch Artilleriefeuer beschädigte Pfarrhaus und die Kirche, auf deren Turm bis zum Vortage ein beobachtungspunkt des SS-Btl 12 eingerichtet worden ist.

 Um 13.00 Uhr steht der britische Gefechtsverband 3RTR/4KSLI am Nordausgang von Rehburg. Die Angriffsachse verläuft durch die Wald- und Moorgebiete, das „Buchholz“, bis Husum. In diesem schwer einzusehenden Gelände werden deutsche infanteristische Kräfte und Panzernahkämpfer gemeldet.

 

Um 13.07 Uhr wird der Spitzenpanzer durch Panzerfaustbeschuss vernichtet. Der Kommandant, wahrscheinlich ein Offizier, ist gefallen. … Der Brigadekommandeur besteht auf schnellem Vorstoß in Richtung Husum.

 

Nach deutschen Angaben ist an den Kämpfen im Waldgebiet nördlich von Rehburg das SS-Bataillon 12 beteiligt, von dem an diesem Tage mindestens 13-15 Angehörige gefangengenommen und im Schuppen des Tischlermeisters Schmidt (Düsselburger/Nienburger Straße) festgesetzt werden. …“

 

 Auszug 3. Teil, Kapitel VI. Samstag, 7. April 1945, „Zu den Ereignissen in Rehburg, Seite 329f:

 

 „Die folgende Schilderung der Ereignisse in Rehburg ist der Versuch einer nachträglichen Zusammenfassung. Als Zeit- und Augenzeugen standen die Aussagen des Tischlermeisters Schmidt, des Landwirts Busse und des Pfarrers Hapke zur Verfügung.“

 

 Anmerkung: Im Gespräch mit uns konkretisierte Hermann Kleinebenne seine Quellen: Er sprach im Zuge seiner Recherchen mit dem Rehburger Heimatforscher August Lustfeld, dem der Tischler Schmidt und Pastor Hapke ihre Erlebnisse mitgeteilt hatten.

 

 „Am 9. April 1945 befinden sich in der Gemeinde Rehburg noch zwei Infanteriekompanien und eine Panzerkompanie als Flankensicherung der 11. Panzerdivision.

 

Möglicherweise wurde ähnlich wie in Steyerberg-Wilhelmshof gegen Bestimmungen des Kriegsvölkerrechts verstoßen. Da diese Ereignisse mit keinem Wort im Kriegstagebuch erfasst wurden, ist es denkbar, dass selbst der Bataillonskommandeur über diese Ereignisse nicht voll informiert wurde und der entsprechende Befehl etwa auf der Führungsebene eines Infanteriezuges erfolgte.

 

In der Morgendämmerung gegen 06.00 Uhr müssen die 15 Angehörigen der 5./SS-Btl 12, die am Vortage nach den Gefechten nördlich Rehburg im Schuppen des Tischlermeisters Schmidt festgesetzt worden sind, auf Befehl britischer Soldaten auf einen Lastwagen aufsitzen. Die Gefangenen werden gefesselt.

 

Der ortskundige Tischlermeister führt Gefangene und britische Bewacher gezwungenermaßen in eine Moorkuhle nordostwärts des Krähenberges. Dort werden die deutschen Gefangenen misshandelt und anschließend erschossen. Zwei deutschen Soldaten gelingt die Flucht.

 

Zu einem späteren Zeitpunkt werden der Landwirt Busse, der Tischlermeister Schmidt und der Pfarrer Hapke die Leichen der exekutierten SS-Angehörigen aus dem Moor bergen und zunächst auf dem Friedhof von Rehburg bestatten.“

 

 

 

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