Auseinandersetzung mit theologischen Sündenfällen

Loccum und die Juden

Loccum, 17. Januar 2015. Einen Vortrag zu Loccum und seinem Verhältnis zu Juden hat Dr. Fritz Erich Anhelm im Religionspädagogischen Institut Loccum (RPI) zur Vernissage der Ausstellung ‚Sie waren Nachbarn’ gehalten.

Eine Sichtung der Unterlagen aus der NS-Zeit im Loccumer Predigerseminar wünscht sich Fritz Erich Anhelm.
Eine Sichtung der Unterlagen aus der NS-Zeit im Loccumer Predigerseminar wünscht sich Fritz Erich Anhelm.

Einen Loccumer Beitrag zum Re­for­ma­tions­jubil­äum wünscht sich Anhelm. Nämlich eine historisch-kritische Sichtung der Bestände des Pre­diger­semi­nars in Loccum aus den Jahren 1930 bis 1945. Dafür gab es allgemeinen Beifall, hatte er doch zuvor einige Beispiele dafür gegeben, wie Kirche – von den Vikaren bis zum Abt, der gleichzeitig auch Landes­bischof war – auf den Natio­nal­sozia­lis­mus reagierte, sich ihm beugte, ihm das Wort redete, sich ihm manchmal in Nuancen widersetzte und ihm teilweise voraus­preschte. Solch eine Sichtung, sagte der Politologe und ehemalige Direktor der Evangelischen Akademie Loccum, wäre auch eine auf die heutige Arbeit des Predigerseminars bezogene Grundlage für die Aus­ein­an­der­set­zung künftiger Pastorinnen und Pastoren mit den theologischen Sündenfällen im eigenen Haus.


‚Loccum und die Juden’ ist das Thema gewesen, dessen Anhelm sich vor rund einem Jahr annahm, als er sich zur Mitarbeit in dem just gegründeten ‚Arbeitskreis Stolpersteine Rehburg-Loccum’ bereit erklärte. Während sich große Teile des Arbeitskreises mit den Schicksalen der jüdischen Gemeinde auseinander setzte, die es in den Ortsteilen Rehburg und Bad Rehburg gab, konzentrierte sich Anhelm auf die Frage, weshalb in Loccum – dem Ort mit Kloster - und dessen Stiftsbezirk niemals Juden siedelten. Etliche Hinweise fand er, auch einen Beschluss, dass im 18. Jahrhundert keine Juden im Stiftsbezirk geduldet werden sollten, allerdings keine abschließende Antwort.

Auch Zusammenhänge zur Geschichte Loccums mit den Juden stellt die Ausstellung her – wie hier mit der Flucht einer Familie, die lange Zeit das Kloster mit Fleisch beliefert hat.
Auch Zusammenhänge zur Geschichte Loccums mit den Juden stellt die Ausstellung her – wie hier mit der Flucht einer Familie, die lange Zeit das Kloster mit Fleisch beliefert hat.

Eine zweite Frage schloss er an diese Nachforschungen an: Wie haben sich das Kloster und auch das Dorf zur NS-Zeit verhalten? Der Reigen dessen, was er dazu fand, begann bereits 1930 mit dem Ansinnen der Vikare, kein Fleisch mehr vom jüdischen Schlachter Hammerschlag aus Rehburg zu beziehen – unter anderem, um nicht den Unwillen des Tannenbergbundes, einer der NSDAP nahe stehenden völkischen Vereinigung , auf das Kloster zu ziehen. „Vorauseilender Gehorsam“ sei das gewesen. An das Ende der Kette von Ereignissen stellte Anhelm den zentralen Satz einer Rechtfertigungsschrift der hannoverschen Kirchenleitung aus dem Jahr 1946: „In äußeren Dingen haben wir der Obrigkeit den schuldigen Gehorsam erwiesen.“


Von den Anfängen bis zu den Rechtfertigungen, von den Rettungsversuchen des Landesbischofs Marahrens für ‚seine’ Kirche, die unter anderem dazu führten, dass er Hitler gratulierte, nachdem dieser dem Attentat auf sich entgangen war, von der Billigung der Zwangssterilisationen, begründet durch die lutherische Unterscheidung der Regimente ‚Gott’ und ‚weltliche Obrigkeit’, bis zu mutigen Einzelnen, die widerständig handelten, wünscht Anhelm sich die Sichtung der Akten im Predigerseminar.


Zum Nachlesen ist der Vortrag von Fritz Erich Anhelm hier hinterlegt.

Kurzfassung für den Vortrag
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Ausführlicher Beitrag mit Quellen
Anhelm_Loccum und die Juden.pdf
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Fritz Erich Anhelm im Gespräch

Während die Stadt Rehburg über Jahrhunderte eine jüdische Gemeinde hatte, kommt dem Klosterort Loccum eine besondere Rolle zu. Denn es haben anscheinend in den mehr als 850 Jahren, in denen das Kloster Loccum besteht, niemals Juden in Loccum und im  Stiftsbezirk gelebt.

 

Der Politologe und Direktor der Evangelischen Akademie Loccum im Ruhestand, Dr. Fritz Erich Anhelm, hat dennoch nach Spuren jüdischer Geschichte in Loccum gesucht. Weshalb er lokale Erinnerungsarbeit für wichtig hält und welche Rolle Loccum, das Kloster, der Stiftsbezirk und die Landeskirche darin spielen, hat er den Zeitungen Die Harke und Kreiszeitung erzählt.

 

Die Interviews können Sie +++ hier +++ nachlesen oder als pdf-Dateien herunterladen:

Interview Die Harke.pdf
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Interview Anhelm Kreiszeitung.pdf
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Die Arbeitsgemeinschaft Alte Synagoge Petershagen bietet zahlreiche Veranstaltungen an, die sich mit der Spuren­suche, der Erinnerung und der Aufarbeitung der NS-Zeit beschäftigen:
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Ehem. Synagoge Stadthagen

Auch der Förderverein der  ehemaligen Synagoge in Stadthagen bietet Veranstaltungen rund um die Verlegung von Stolpersteinen an:
www.stadthagen-synagoge.de