Fast perfekt organisierter Massenmord

Euthanasie bei Stolperstein-Arbeitskreis als Vortrags-Thema

Auch, weil das Thema Euthanasie die Klinik, die er seit nahezu 30 Jahren leitet, berührt, hat sich Dr. Michael von der Haar damit auseinander gesetzt. Einen Vortrag zu Euthanasie im Landkreis Nienburg hat er auf Einladung unseres Arbeitskreises gehalten.

Euthanasie im Landkreis Nienburg ist das Thema von Dr. Michael von der Haar.
Euthanasie im Landkreis Nienburg ist das Thema von Dr. Michael von der Haar.

Es muss wohl ein Thema sein, das die Menschen beschäftigt. Und ein Referent, dessen Ausführungen sie interessieren. Wie sonst ist erklärbar, dass an einem leidlich schönen Sommerabend mehr als 100 Menschen im kleinen Ort Bad Rehburg das Kulturzentrum besuchen, um sich einen Vortrag zur Euthanasie in der NS-Zeit anzuhören? Die Veranstalter hatten jedenfalls nicht mit so großem Andrang gerechnet – und mussten weitere Stühle in den Saal holen.
Der Referent selbst hatte es indes nicht weit, um von seinem Arbeitsplatz zu dem Vortrags-Ort zu kommen. Nur durch eine kleine Straße voneinander getrennt liegen die „Romantik Bad Rehburg“ und das Maßregelvollzugszentrum, das von der Haar leitet. Psychiater ist er und hat dort in Bad Rehburg verurteilte suchtkranke Straftäter als Patienten. Das, sagte er, sei einer der Gründe, weshalb die Geschichte der Euthanasie ein Thema für ihn sei – die Schicksale der Menschen, die dem Plan der Nazis zum Opfer fielen, Menschen mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen systematisch zu ermorden, wie auch das weite Feld der Täter, zu denen nicht zuletzt viele Ärzte gehörten, seien mit der Geschichte der Klinik verknüpft.


Wie die perfide, aber fast perfekte Organisation dieses Massenmordes, die mit „deutscher Gründlichkeit“ geplant und durchgeführt wurde, funktionierte, erzählte von der Haar und stellte außerdem einige der Menschen aus dem Landkreis vor, die in diese Mühlen gerieten und darin umkamen. Versuchen zu verstehen, was damals geschah, sei sein Ansatz, sagte von der Haar. Die Frage nach dem „Warum?“ immer wieder zu stellen. Das Euthanasie-Programm sei schließlich ein Teil der deutschen Geschichte. Ihm sei es wichtig, dass dieser Teil nicht verloren gehe und dass diese Geschichte Gesichter bekomme. Wie er damals als Arzt reagiert hätte? Das, meinte er, könne wohl niemand von sich mit Sicherheit wissen. „Ich glaube, ich wäre kein Held gewesen.“ Umso wichtiger sei es, sich dieses Kapitel immer wieder in Erinnerung zu rufen.


Eine weitere Veranstaltung zur Euthanasie in der NS-Zeit plant der Arbeitskreis Stolpersteine für Donnerstag, 9. Juli, im Rehburger Rathskeller. Dort werden Jugendliche eine szenische Lesung auf die Bühne bringen. Gäste sind für 19 Uhr bei freiem Eintritt willkommen. Eine Lesung am Vormittag speziell für Schulen ist ausgebucht.


Die begleitende Präsentation zu Michael von der Haars Vortrag ist hier hinterlegt.

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Euthanasie im Landkreis Nienburg

Vortrag von Dr. Michael von der Haar

am Dienstag, dem 16. Juni, 19.30 Uhr, in der Romantik Bad Rehburg

Euthanasie – die systematische Ermordung von körperlich und geistig beeinträchtigten Menschen zur Zeit des Nationalsozialismus – ist das Thema eines Vortrags von Dr. Michael von der Haar am Dienstag, dem 16. Juni, 19.30 Uhr, in der ‚Romantik Bad Rehburg’. Einen Schwerpunkt legt der Psychiater dabei auf Menschen aus dem Landkreis Nienburg, die Opfer der Euthanasie wurden.

Gar nicht weit müsse er schauen, sagt von der Haar, um auf Menschen zu stoßen, die von den Nazis ermordet wurden. In Bad Rehburg, dort, wo er Leiter des Maßregelvollzugszentrums ist, wisse er von einem Hausmädchen, das sich ‚auffällig verhalten’ habe, deshalb in die Psychiatrie eingewiesen und schließlich ermordet wurde. Viele weitere Schicksale hat er recherchiert und will einige davon in seinem Vortrag vorstellen.


Aber auch das perfide System, das die Nazis aufbauten, um die Ermordung von Behinderten und Kranken zu rechtfertigen, wird von der Haar vorstellen. Einer, der dieses System aus Gesetzen und Verordnungen aktiv unterstützte, lebte in den 1960er Jahren in Bad Rehburg: Professor Hans Heinze senior gehörte zu den drei Gutachtern, die für die Einweisung von geistig und körperlich behinderten Kindern in so genannte ‚Kinderfachabteilungen’ ab 1939 zuständig waren. Der überwiegende Teil der eingewiesenen Kinder wurde nach einer klinischen Untersuchung getötet. Von 1954 bis zu seiner Pensionierung war Heinze Leiter der Kinderpsychiatrischen Klinik des Landeskrankenhauses Wunstorf.


Seinen Vortrag hält von der Haar auf Einladung des Arbeitskreises ‚Stolpersteine Rehburg-Loccum’. Der Eintritt ist frei. Um eine Spende für das Projekt bittet der Arbeitskreis im Anschluss an die Veranstaltung.

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Die Arbeitsgemeinschaft Alte Synagoge Petershagen bietet zahlreiche Veranstaltungen an, die sich mit der Spuren­suche, der Erinnerung und der Aufarbeitung der NS-Zeit beschäftigen:
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Ehem. Synagoge Stadthagen

Auch der Förderverein der  ehemaligen Synagoge in Stadthagen bietet Veranstaltungen rund um die Verlegung von Stolpersteinen an:
www.stadthagen-synagoge.de