Jakob Löwenstein, *1859

Am 10. November 1938 nach Buchenwald deportiert

Tod am 26. November 1938 in Buchenwald


Stolperstein verlegt: Mühlentorstraße 26, Rehburg

Schicksal:

 

Jakob Löwenstein wurde am 29. August 1859 in Rehburg geboren und lebte dort 79 Jahre lang – bis er gemeinsam mit fünf weiteren Männern der jüdischen Gemeinde Rehburg nach der Pogromnacht vom 9. November 1938 nach Buchenwald deportiert wurde.

Während die anderen fünf Männer diese Deportation überlebten und aus dem Konzentrationslager zurückkehrten, war Jakob Löwenstein der erste Rehburger Jude, der dem NS-Regime zum Opfer fiel.

Über die Umstände seines Todes wissen wir nichts, abgesehen von einer Erinnerung des Rehburgers Heinrich Brunschön, der 1938 neun Jahre alt war. Heinrich Brunschön erzählt, dass Julius Löwenberg, der ebenfalls nach der Pogromnacht nach Buchenwald gebracht wurde, später sagte: „Der Jakob, der wurde totgeschlagen.“

Was von Jakob Löwenstein aus Buchenwald zurückkam, war lediglich eine Uhr mit einer silbernen Kette samt einem Schreiben des Leiters der Lagerverwaltung an die Ortspolizeibehörde Bad Rehburg mit der Bitte, die Uhr den Angehörigen auszuhändigen - was als ‚Erledigt’ am 5. April 1939 auf dem Schreiben vermerkt ist.

Diese Uhr ist heute Eigentum eines Urenkels von Jakob Löwenstein, der nicht weit von Rehburg entfernt lebt.

 

Das Schreiben aus dem Konzentrationslager haben wir hier hinterlegt:

Jakob_Nachlass_Buchenwald.pdf
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Familie:

 

Jakob Löwenstein war verheiratet mit Jeanette Meyberg, die am 4. Oktober 1855 in Freren/Lingen geboren wurde. Gemeinsam mit ihr hatte er zwei Töchter: Erna, geboren am 9. Dezember 1896, und Frieda, geboren am 24. Mai 1898. Jeanette wurde am 23. Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert und starb dort am 14. Oktober 1942.

Erna Löwenstein heiratete Alfred Birkenruth, mit dem sie zwei Söhne - Hans Siegfried und Walter – hatte. Von der Familie Birkenruth überlebte niemand nach der Deportation gen Warschau 1942.

Frieda Löwenstein heiratete Heinrich Schmidt – einen ‚Arier’, mit dem sie einen Sohn bekam, dem das Ehepaar ebenfalls den Namen Heinrich gab. Frieda Schmidt wurde im Februar 1945 nach Theresienstadt deportiert und kam als einzige Überlebende der jüdischen Gemeinde nach der Befreiung durch die Alliierten zurück.

 

Erinnerungen:

 

Seinen Lebensunterhalt hat Jakob Löwenstein mit einer eigenen Schlachterei verdient und durch Handel.

 

Jenseits dieser Daten und Fakten sind uns einige Episoden und auch Anekdoten von Jakob Löwenstein zugetragen worden, die uns zum Schmunzeln gebracht haben. So soll er etwa im Sommer oft vor seiner Haustür gesessen und die Tageszeitung oder auch die Nazi-Zeitung ‚Der Stürmer’ gelesen haben. Letztere holte er sich zuvor beim Kaufmann Korte und vergaß dann nicht, auch eine gute Zigarre zu erstehen. Mit der Zeitung in der Hand und die Zigarre paffend ging er langsamen Schrittes auf die andere Straßenseite zu dem Haus, in dem seine Tochter Frieda mit ihrer Familie lebte.

 

Auf diese Zigarre sprach ihn eines Tages ein anderer Rehburger an: „Jakob, Jakob, wenn du nicht soviel Zigarren rauchen würdest, könntest du schon eine Villa besitzen.“ Jakob lächelte ihn an und sagte: „Mein lieber Heinrich, du rauchst nun gar nicht - zeig mir mal deine Villa.“

Ein anderes Mal soll sein Nachbar Friedrich Busche ihn auf ein schönes Mädchen aufmerksam gemacht haben, das in Begleitung seines Freundes vorbei spazierte. Jakob bemerkte: „Was nützt mir ein schönes Mädchen, wenn andere damit spazieren gehen!“

 

Außerdem soll er im Bezug auf Geschäfte oft gesagt haben: „Was man erhandelt, braucht man nicht zu erarbeiten!“ Kam ein Geschäft jedoch nicht zustande, trug er auch das gelassen: „Besser gehandelt und Schaden gemacht, als gar nicht gehandelt, - habe ich doch daraus wieder viel gelernt.“

 

Übermittelt wurde uns auch ein Gedicht über Jakob Löwenstein. Vermutlich stammt es aus der Feder von Ernst Meßwarb, der von 1912 bis 1938 Bürgermeister der Stadt Rehburg war. Das Original liegt uns nicht vor – lediglich eine Abschrift:

Aus alten Zeiten

 

Schlomchen Löwenstein

Hoch klingt mein Lied drum stimmt mit ein

Ihr sollt den Held bald raten,

Euch allen ist bekannt der Mann

Sein Weg und seine Taten.

Hoch klingt mein Lied und stimmts mit ein

Der Held ist Schlomchen Löwenstein.

 

Viele Wege gehen ums Erdenrund, -

Doch Schlomchen hat nur einen!

Bald früh – bald spät – zu jeder Stund

Sucht Schlomchen nur den Seinen.

Von Rehburg hin, von Loccum her

Stets unermüdlich wandert er.

 

Ein Schiff der Wüste seht ihr hier

Gedrückt von schweren Lasten,

Fast täglich seine Strasse ziehn

Doch niemals ruh nun drasten

Hält andere Hitz und Frost zu Haus

Mein Schlomchen wandert doch hinaus.

 

Viel bringt er mit, viel trägt er fort

Ihr dürft nur leise winken,

Und liefert ab aufs Ehrenwort

Sei’s Mettwurst oder Schinken.

Was man verschickt, - ist’s noch so zart

Bei Schlomchen ist es wohl verwahrt.

 

Im Dienst von Loccums Geistlichkeit

Nimmt Kästen er und Packen –

Voll Weisheit und Gelehrsamkeit

Vergnügt auf seinen Nacken.

Die Sorge für Gelehrsamkeit

Vor allem Schlomchens Herz erfreut.

 

Im Unglück tritt er kühn hervor

Er rattet, tröstet, kämpfet,

Er führt beherzt das Spritzenrohr

Bis er die Flamme dämpfet.

Wenn viele still vom Posten gehen,

Auf „Seinem“ bleibt der Schlomchen stehn.

 

 

Er wird, wenn er sich zugesellt

Als Führer sicher leiten, -

Gleich einer Einpost durch die Welt

Durch Nacht und Dunkelheiten

Du folge ihm, - den schmalen Steg –

„macht Schlomchen Dir zum breiten Weg!

Du wirst bei ihm nicht müd’ noch matt,

Es eilt die träge Stunde.

Er unterhält Dich auf dem dunklen Pfad

Mit Erd- und Himmelskunde.

Erbangst Du, ja, - so sprich zu Dir:

„Nur Mut, ein Schlomchen ist bei mir.“

 

Verschwiegen ist er wie die Nacht,

Und lässt sich nicht durchschauen.

Was man in Wort und Lieder sagt,

Kann man ihm anvertrauen.

Drum traut ihm manches liebe Herz,

Denn Schlomchen treibt damit kein’ Scherz.

 

Aus Judenstamm, wie jeder schwört,

Unzweifelhaft entsprossen,

Bleibt im Gesetz, obgleich beschwert –

Doch immer unverdrossen.

Um jedem der’s nur ehrlich meint,

Bleibt Schlomchen ein treuer Freund.

 

In Rehburg soll so lang dies Lied, -

In „Loccum“ auch erschallen.

Wo Eichen grünen, Heide blüht, -

Dies Lied darf nie verhallen.

Drum stimmet alle froh mit ein,

Des Liedes Held bleibt Löwenstein.

 

gewidmet, dem Jacob Löwenstein


Quellen:

Gerd-Jürgen Groß, ‚Sie lebten nebenan’, Erinnerungsbuch für die während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft 1933 – 1945 deportierten und ermordeten jüdischen Frauen, Männer und Kinder aus dem Landkreis Nienburg/Weser

Hinterlassene Unterlagen von Heinz Hortian, Rehburg

Erinnerungen Heinrich Brunschön

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