Gertrud Löwenberg, * 1911

Am 5. August 1939 nach England geflohen.
Überlebt.

Stolperstein:
Mühlentorstraße 40, Rehburg

Familie:

 

Gertrud Löwenberg wurde am 25. April 1911 als Tochter des Lederhändlers Julius Löwenberg und dessen Ehefrau Selma, geborene Adler, in Rehburg geboren.


Im Frühling 1917 wurde sie in der Schule in Rehburg eingeschult. Nach acht Jahren Schulzeit wurde sie am 1. April 1925 aus der Schule entlassen. In Rehburg existiert noch das Schulabgängerbuch, in dem ihre Daten verzeichnet sind.

 

Neben dem Buch aus der Schule ist unserem Arbeitskreis auch das Poesiealbum eines Mitschülers von Gertrud Löwenberg vorgelegt worden. „Mit Gott fang an, mit Gott hör auf, das ist der beste Lebenslauf.“ Hat sie dort „zur freundlichen Erinnerung an Deine Mitschülerin“ am 17. Februar 1925 hineingeschrieben.

Am 1. September 1933 verließ Gertrud Rehburg und zog nach Bremen - zuerst in die Hohentorsheerstraße 44 und später in die Kohlhökerstraße 6. Sie arbeitete dort als Hausmädchen für ihren Cousin Alfred Grünberg und dessen Frau Amalie. Diese hatten dort große Häuser.

 

Schulabgängerbuch mit Eintrag Gertrud Löwenberg
Schulabgängerbuch mit Eintrag Gertrud Löwenberg

Am 2. November 1936 verließ Gertrud Bremen und zog nach Hannover in die Röntgenstraße 2. Nur rund eineinhalb Jahre später, am 2. Mai 1938, zog sie erneut um, nun von Hannover zurück zu ihren Eltern nach Rehburg.
Dort erlebte sie die Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938, als ihr Vater verhaftet und in das KZ Buchenwald deportiert wurde, die SA das Haus durchsuchte und Wertgegenstände beschlagnahmte. Gertrud flüchtete daraufhin mit ihrer Mutter zu ihrer Tante Minna Grünberg nach Bremen in die Kohlhökerstraße 6.
Dort heiratete Gertrud am 11. Januar 1939 Karl Alfred ten Bosch, der am 21. Oktober 1909 in Bochold, Nordrhein-Westfalen, geboren worden war.

Gertruds Poesiealbum
Gertruds Poesiealbum

Vermutlich aufgrund ihrer Heirat bekam Gertrud am 6. März 1939 eine neue Kennkarte ausgestellt, die noch heute in Rehburg vorhanden ist. Kennkarten führten die Nationalsozialisten 1938 ein. Deutsche Staatsangehörige konnten sich diese Karten ausstellen lassen, Juden waren verpflichtet dazu. Ihre Kennkarten trugen zudem ein großes „J“ auf der Vorderseite.

Am 5. August 1939 floh das Paar nach England. Gertrud arbeitete dort als Kindermädchen und Karl wurde Hausmeister auf einem Landgut.

In England bekam das Paar zwei Kinder: Susan wurde am 4. März 1944 in Oxford und Ann am 6. Juli 1945 in Banbury geboren.
Am 7. Mai 1948 verließ die Familie England in Richtung USA, am 15. Mai 1948 kam sie in New York an. Die Familie lebte fortan in Cincinnati, Ohio. Am 22. Dezember 1950 wurde ihr Sohn Gerald geboren. 1954 wurden Gertrud und ihre Familie Bürger der Vereinigten Staaten.
Karl Alfred Tenbosch starb am 27. Juni 1966. Gertrud Tenbosch starb am 23. April 1999. Beide sind auf dem New Hope Cemetery in Cincinnati/Covedale begraben.

Gertruds Kennkarte
Gertruds Kennkarte
Schicksal und Erinnerungen:

 

Gertrud Löwenberg und Karl Alfred Tenbosch hatten 1939 die Zeichen der Zeit erkannt und beschlossen, wie schon einige Monate zuvor Gertruds Schwester Frieda, ihr Leben zu retten und ins Ausland zu fliehen.

Zur Stolpersteinverlegung 2016 sind die Tochter Ann und ihr Mann Merrill aus den USA nach Rehburg gereist. Von ihnen haben wir einiges aus dem Leben der Familie erfahren:
Gertrud und Karl hatten demnach ein glückliches Leben, das erfüllt war von der Erziehung ihrer drei Kinder in Cincinnati. Gertrud war Hausfrau und Karl versorgte die Familie als Maler und Dekorateur.

Gertrude war glücklich und dankbar, die Heirat ihrer Kinder, sowie die Geburt ihrer sechs Enkelkinder und eines Urenkels erleben zu dürfen. Drei Urenkel und eine Urenkelin, die sie geliebt und genossen hätte, sind nach ihrem Tod geboren.

Gertrud hat in den USA ein gutes Leben geführt in ihrer großen Familie. Dennoch haben sie die traumatischen Erlebnisse in Deutschland nicht zur Ruhe kommen lassen. Sie hat über ihre Kindheit und ihr Leben in Deutschland nicht gesprochen. Es muss für sie schrecklich gewesen sein, dass ihre Eltern nicht gerettet werden konnten.
Immer wenn ihre Kinder Fragen stellten, wurden die Eltern lediglich traurig, wollten aber keine Antworten geben. Somit sind keine Erinnerungen aus Gertruds Leben in Deutschland überliefert.

 

Auf dem Gehsteig vor dem Haus, in dem einst die Familie Löwenberg lebte, in der jetzigen Mühlentorstraße 40, sind am 30. September 2016 Stolpersteine zum Gedenken an Gertrud Löwenberg, an ihre Eltern Julius und Selma sowie ihre Schwester Frieda, verlegt worden.

Heinrich Lustfeld
Juli 2017

Quellen:

Gerd-Jürgen Groß, ‚Sie lebten nebenan’, Erinnerungsbuch für die während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft 1933 – 1945 deportierten und ermordeten jüdischen Frauen, Männer und Kinder aus dem Landkreis Nienburg/Weser

Hinterlassene Unterlagen von Heinz Hortian, Rehburg

Yad Vashem Israel
Bundesarchiv - Gedenkbuch
Kreisarchiv Nienburg
Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen
Niedersächsisches Landesarchiv
Ordnungsamt Stadt Hannover
Staatsarchiv Bremen
Kommunalarchiv Minden
Gesellschaft für Familienforschung Bremen – Bremer Passagierlisten
Gedenkbuch Halle/Saale
Professor Fred Johnson, USA
Hanna de Levie, Israel
Claudia und Rafael de Levie, Israel
Ann und Merrill Asher, USA
Renee Mason, USA
Dena Mason-Zied, Eric Zied, USA
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