Frieda Schmidt *1898

Am 20. Februar 1945 nach Theresienstadt deportiert
Befreit am 8. Mai 1945
Gestorben in Rehburg am 28. Oktober 1984

Stolperstein:
Rehburg, Heidtorstraße 28


Frieda Schmidt wurde als Frieda Löwenstein am 24. Mai 1898 in Rehburg geboren. Ihre Eltern waren das jüdische Ehepaar Jeanette und Jakob Löwenstein, das eine Schlachterei in Rehburg betrieb. Zu dieser Familie gehörte noch Friedas ältere Schwester Erna.

 

Dass Frieda Schmidt den Holocaust überlebte, hängt in erster Linie wohl damit zusammen, dass sie sich in ihrem Heimatort in einen Nichtjuden – den Christen Heinrich Schmidt – verliebte. 1919 zog sie mit ihm nach Hannover, am 22. September 1922 heirateten sie dort. Nach Rehburg zogen sie am 27. März 1926 zurück und wohnten zunächst in der Nähe ihres Elternhauses in der Mühlentorstraße 17. Ihr Sohn Heinrich Christian – genannt Heinz – wurde am 26. Juni 1931 geboren.

 

Jakob Löwenstein, Friedas Vater, wurde 1938 im Konzentrationslager Buchenwald erschlagen. Ihre Mutter Jeanette Löwenstein kam 1942 in das Konzentrationslager Theresienstadt, wo sie ermordet wurde.

Ihre Schwester Erna Birkenruth, deren Mann Alfred und die beiden Kinder Hans Siegfried und Walter wurden 1942 in das Ghetto Warschau deportiert und ermordet.

Frieda blieb als einzige Jüdin in Rehburg – relativ geschützt durch die ‚Mischehe’, in der sie mit Heinrich Schmidt lebte. Kurz vor Ende des Krieges wendete sich das Blatt jedoch auch für sie:
Frieda wurde am 20. Februar 1945 in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert.

Das Konzentrationslager wurde mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges am 8. Mai 1945 befreit – Frieda war die einzige Überlebende der jüdischen Gemeinde Rehburg, die zurückkam.

Mit Tränen in den Augen erinnern sich ältere Rehburger daran: Die vorher leicht korpulente Frau bestand nur noch aus Haut und Knochen.
Sie starb am 28. Oktober 1984 im Alter von 86 Jahren und wurde auf dem christlichen Friedhof in Rehburg neben ihrem Mann Heinrich beerdigt.

Über das, was ihr in Theresienstadt widerfahren ist, soll sie Zeit ihres Lebens niemals geredet haben.

 

Schicksal und Erinnerungen:

 

Frieda Schmidt wurde 1904 in Rehburg eingeschult – in dem Gebäude in der Heidtorstraße, in dem heute die Polizeistation ist. Sie muss eine sehr gute Schülerin gewesen sein. In ihrem Schulabgangszeugnis aus dem Jahr 1912 hat sie durchgehend in allen Fächern ‚Sehr gut’ beziehungsweise ‚Gut’ als Noten stehen.

 

Ihren Mann Heinrich Schmidt habe Frieda beim Torfstechen kennengelernt erzählen Zeitzeugen. Damals mussten alle Rehburger beim Torfstechen anpacken, damit genügend Brennvorrat für den nächsten Winter vorhanden war. Dabei sind sich Heinrich und Frieda wohl näher gekommen…

 

Im Oktober 1919 zog das Paar nach Hannover und heiratete dort am 22. September 1922. In Rehburg gab es durchaus Vorbehalte gegen diese Beziehung zwischen einer Jüdin und einem Christen. So soll Heinrich Schmidt gelegentlich gefragt worden sein, was er denn mit ‚diesem Juden-Mädel’ wolle. Womöglich war das einer der Gründe, weshalb beide Rehburg verließen. Schon zu der damaligen Zeit sollen die beiden einen Laden in Hannovers Markthalle gehabt haben.

 

Vier Jahre später, 1926, zogen sie zurück nach Rehburg. Dort wurde am 22. Juni 1931 ihr Sohn Heinrich Christian, genannt Heinz, geboren.

 

Auch wenn Frieda Schmidt in den Jahren nach der Machtübernahme durch die Nazis verhältnismäßig sicher leben konnte, so musste sie doch miterleben, wie die Männer aus der jüdischen Gemeinde nach der Pogromnacht 1938 in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert wurden – unter ihnen auch ihr Vater, Jakob Löwenstein, und der Mann ihrer Schwester Erna, Alfred Birkenruth. Von ihrem Vater kam aus Buchenwald nur seine Uhr zurück – Jakob Löwenstein wurde dort erschlagen.

 

Ob und inwieweit Frieda zu dieser Zeit Anfeindungen ausgesetzt war, wissen wir nicht. Nur eine Episode, die sich vor ihrem Haus abgespielt hat – mittlerweile lebte sie in der Heidtorstraße 28 - ist uns erzählt worden:

 

Damals, berichtete uns ein Rehburger, wurden die Rehburger Jungen verpflichtet, sich Propaganda-Filme wie ‚Jud Süß’ anzusehen. Der Kinosaal, in dem diese Filme gezeigt wurden, befand sich in der Gaststätte Bartels in der Heidtorstraße – direkt gegenüber von dem Haus, in dem Frieda Schmidt mit ihrem Mann Heinrich und ihrem Sohn Heinz lebte.

 

Eines Tages habe es wieder eine Film­vor­führung gegeben. Mit den Ein­drücken der Hetze der Nazis gegen die Juden seien die Jungen aus dem Film gekom­men und hätten auf der gegen­über­liegenden Straßen­seite Walter Birkenruth – den Sohn von Friedas Schwester Erna – gemeinsam mit Friedas Sohn Heinz stehen sehen.
„Und dann haben die sich den Walter gegriffen“, sagte uns der Rehburger. Weil Walter irgendwie ‚jüdisch’ aussah, vermutete er. Heinz hätten sie in Ruhe gelassen. Er habe nur hilflos daneben gestanden, als sein damals noch nicht einmal zehnjähriger Cousin von den größeren Jungen verprügelt wurde.
Der Rehburger – damals selbst noch ein Kind – erinnerte sich nicht mehr, was er selbst getan hat. „Vermutlich bin ich einfach weg­ge­gan­gen“, sagt er.

 

Vier Jahre später musste Frieda miterleben, wie ihre Mutter, ihre Schwester und deren Familie deportiert wurden. Vermutlich hat sie in den folgenden Jahren nicht gewusst, dass alle schon bald darauf ermordet worden waren.

Durch die Ehe mit einem Nichtjuden war Frieda Schmidt zu diesem Zeitpunkt noch vor der Deportation sicher – Angst wird aber dennoch ihr Leben bestimmt haben.

Folgende Szene ist uns von einer Rehburgerin aus den Jahren nach 1942 berichtet worden:

Es wird wohl 1943 oder 1944 gewesen sein - alle anderen waren bereits deportiert – als eine Gruppe SA-Männer zu dem Haus in der Heidtorstraße marschierte, in dem Frieda lebte. Landwirt August Lustfeld, der auf der gegenüberliegenden Straßenseite seinen Hof hatte, beobachtete diesen Aufmarsch. „Wo wollt ihr denn hin?“, war seine Frage. „Die Frieda holen“, lautete die Antwort. August ging daraufhin mit erhobener Mistforke auf die Truppe zu und rief: „Das tut ihr nicht!“
Die SA-Männer sollen nach diesem für sie unerwarteten Widerstand wieder abgezogen sein. Frieda wurde nicht abgeholt.
Für August Lustfeld hatte die Szene jedoch ein Nachspiel. Der Landwirt, Jahrgang 1903, war eigentlich wegen zweier Leistenbrüche vom Kriegsdienst freigestellt, bekam nun aber wenige Tage später den Gestellungsbefehl und musste nach Russland an die Front.

 

Am 13. Januar 1945 gab es schließlich einen Erlass des Reichssicherheitshauptamtes, wonach alle in ‚Mischehe’ lebenden Juden in das Konzentrationslager Theresienstadt zu überstellen seien. Frieda Schmidt wurde daraufhin verhaftet und am 20. Februar 1945 über Hannover in dieses Konzentrationslager deportiert, in dem ihre Mutter 1942 ermordet worden war.

Als die Rote Armee am 8. Mai 1945 Theresienstadt befreite, lebte Frieda noch. Es war der Anblick ihrer Arme, die aus ihrer Kittelschürze herausragten, der sich vielen älteren Rehburgern eingeprägt hat: „Nur noch Haut und Knochen“ seien zu sehen gewesen.
Über das, was sie im Konzentrationslager erlebte, soll Frieda Schmidt niemals geredet haben.

Ihr Enkel erzählte uns, dass er sie manches Mal nach dieser Zeit des Nationalsozialismus gefragt habe. Ihre Antwort sei immer gewesen: „Das erzähle ich dir, wenn du groß bist.“ Als er dann groß gewesen sei, sagt ihr Enkel, habe ihre Großmutter nicht mehr gelebt, um ihm davon erzählen zu können.

Welches Grauen sie erlebt haben muss, lässt sich an einer Begebenheit ermessen, die eine Freundin von Frieda uns berichtete. Bei einem gemeinsamen Einkauf in einem Geschäft habe Frieda plötzlich angefangen zu schreien und sich überhaupt nicht beruhigen lassen. Später habe Frieda ihr erzählt, dass sie in jenem Geschäft einen ihrer Aufseher aus Theresienstadt wiedererkannt habe.

In Rehburg soll sie in den Jahren nach dem Krieg mit ihrem Mann eher zurückgezogen gelebt und Feierlichkeiten im Ort gemieden haben. Ihren Lebensunterhalt hat sich die Familie weiterhin mit einem Stand in der Markthalle in Hannover verdient und zudem ein Fuhrgeschäft aufgebaut.

Frieda Schmidt ist am 28. Oktober 1984 im Alter von 86 Jahren gestorben. Ihr Grab befindet sich auf dem evangelisch-lutherischen Friedhof in Rehburg.

Quellen:

Gerd-Jürgen Groß, ‚Sie lebten nebenan’, Erinnerungsbuch für die während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft 1933 – 1945 deportierten und ermordeten jüdischen Frauen, Männer und Kinder aus dem Landkreis Nienburg/Weser

Hinterlassene Unterlagen von Heinz Hortian, Rehburg

Buch der Rehburger Schulabgänger

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