Herta Busack, * 1926

15. Dezember 1941 ins Ghetto Riga deportiert
1. Oktober 1944 ins KZ Stutthof deportiert
Todestag unbekannt

Stolperstein:
Alte Poststraße 13, Bad Rehburg

Familie:

 

Die Jüdin Herta Busack wurde am 10. Juli 1926 in Bergkirchen (Landkreis Schaumburg) geboren. Ihre Eltern waren Erich und Else Busack, geborene Cohn. Herta hatte eine Halbschwester, Grete Cohn, das erste Kind ihrer Mutter Else.


In Bergkirchen lebte sie zunächst mit Eltern und Schwester allein in einem Haus, später zog die Familie zu den Eltern ihres Vaters in Bergkirchen, Jeanette und Julius Busack.


Während Julius Busack 1941 in Bergkirchen starb, wurde Jeanette Busack im Juli 1942 in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert, wo sie im Dezember 1942 ermordet wurde.
Hertas Vater Erich wurde ein Opfer der T4-Aktion der Nazis. Nachdem er im Juli 1939 wegen psychischer Probleme zunächst in die Heil- und Pflegeanstalt Wunstorf eingewiesen worden war, wurde er im September 1940 in die Tötungsanstalt Brandenburg gebracht, wo er ermordet wurde.
Hertas Mutter Else und ihre Schwester Grete wurden gemeinsam mit Herta am 15. Dezember 1941 von Hannover in das Ghetto Riga deportiert. Während Grete 1943 gemeinsam mit ihrem im Ghetto geborenen Sohn Gideon nach Auschwitz deportiert und ermordet wurde, war für Herta und ihre Mutter Else im Oktober 1944 die nächste Station ihres Leidensweges das Konzentrationslager Stutthof. Beide haben dieses Lager nicht überlebt. Ihre Todestage sind unbekannt.

Erinnerungen und Schicksal:

 

Erinnerungen an Herta hat nur noch ein Mensch: Ihre Freundin Paula Calder, geborene Freundlich. Paula, die mit ihrer Familie in Bad Rehburg lebte, war eine enge Freundin von Herta – und das nicht von ungefähr. Die beiden Mädchen waren ungefähr gleichaltrig und ab 1937 wohnte Herta mit ihrer Familie im Haus der Familie Freundlich. Rund zwei Jahre lang lebten die Mädchen unter einem Dach – bis zum Januar 1939, als es für Paula einen Platz in einem der Kindertransporte nach England gab.
Als wir Paula im Jahr 2014 in England ausfindig machten, war eine ihrer ersten Fragen, die sie an uns stellte, die nach dem Verbleib ihrer Freundin Herta. Wir machten uns auf die Suche – und konnten Paula nichts anderes mitteilen, als dass auch Herta zu den Millionen ermordeten Opfern der Nationalsozialisten gehört.

 

Aus Hertas ersten Lebensjahren können wir Informationen nahezu nur aus Melderegistern von Gemeinden ziehen. In Bergkirchen lebte sie demnach bis zum 1. August 1932. Damals, als Herta sechs Jahre alt war, zog die Familie nach Hagenburg (Landkreis Schaumburg) in die Nummer 149. Rund fünf Jahre später, am 14. April 1937, meldeten sie sich dort ab und zogen zu Familie Freundlich in Bad Rehburg. Den Grund für den Umzug wissen wir nicht

Familie Freundlich hatte ein großes Haus und relativ viel Platz – obwohl sie sechs Kinder hatte. In den Jahren vor der Herrschaft der Nationalsozialisten hatte die Familie stets Gästezimmer  in dem kleinen Kurort zur Verfügung gestellt, wie es ein großer Teil der Bevölkerung Bad Rehburgs tat. Sechs Zimmer mit sieben Betten bot sie an. Vermutlich wollten bereits in 1937 nicht mehr viele Kurgäste in einem jüdischen Haus residieren, so dass Familie Freundlich die Zimmer für die befreundete Familie Busack hergeben konnte. Paula erinnert sich, dass ihr Vater Familie Busack eingeladen habe, bei ihnen zu wohnen. Soweit wir es nachvollziehen konnten, war der letzte freiwillig gewählte Wohnsitz von Herta und ihrer Familie die Alte Poststraße 13 in Bad Rehburg, im Haus der Familie Freundlich.

 

Herta wurde laut Melderegister des Ortes Bad Rehburg am 6. März 1939 dort abgemeldet. Ihre nächste Anschrift war die Israelitische Gartenbauschule in Hannover-Ahlem. Dorthin mussten zu jenem Zeitpunkt nahezu alle schulpflichtigen jüdischen Kinder aus der Umgebung ziehen, da ihnen wenige Tage nach der Pogromnacht vom November 1938 der Besuch der deutschen Schulen verwehrt worden war. Bis zu jenem Zeitpunkt hatte Herta gemeinsam mit Paula die Schule in Bad Rehburg besucht.

Für Herta war dieses Jahr 1939 nicht leicht. Abgesehen von den Repressalien, denen Juden allgemein in Deutschland immer mehr ausgesetzt waren, musste sie mit ansehen, dass ihre Freundin Paula nach England fuhr. Sie selbst hätte diese Lösung auch gerne gewählt, bekam aber keinen Platz in einem Kindertransport beziehungsweise gelang es ihren Eltern nicht, sie dafür anzumelden. Die Rede ist in einigen Unterlagen davon, dass Herta nach Holland geschickt werden sollte, was ebenfalls niemals umgesetzt werden konnte.

 

In Ahlem gefiel es Herta relativ gut. Sie tat sich im Sport hervor und mochte es, sich mit gleichaltrigen Mädchen ein Zimmer zu teilen. Zeitweilig gehörten Selma und Gerda Philippson aus Sachsenhagen (Landkreis Schaumburg) zu ihren Zimmergenossinnen.

 

Worunter Herta in 1939 aber sehr zu leiden hatte, war der Zustand ihres Vaters Erich. Spätestens ab März 1939 hatte Erich psychische Probleme, die unter anderem in häuslicher Gewalt und in Selbstmordversuchen gipfelten, woraufhin er in die Heil- und Pflegeanstalt Wunstorf eingeliefert wurde.

 

Hertas Mutter Else wohnte laut Melderegister bis zum 21. Oktober 1940 in Bad Rehburg, um dann nach Hannover zu ziehen. Kurz zuvor, im September 1940, war Hertas Vater Erich in der Tötungsanstalt Brandenburg ermordet worden.

 

Wir wissen nicht, wie lange Herta die Schule in Ahlem besuchte. Die nächste Spur von ihr führt in die Ohestraße 8 in Hannover – dort wohnte sie gemeinsam mit ihrer Mutter. „Wohnen“ ist allerdings kaum die richtige Bezeichnung, denn die Ohestraße 8 war ab September 1941 eines der sogenannten „Judenhäuser“, in denen hunderte Juden auf Anordnung der Nazis zusammengepfercht wurden.

 

Am 15. Dezember 1941 kam Herta gemeinsam mit ihrer Mutter Else und ihrer Schwester Grete in einen Transport zum Ghetto Riga. 1001 Menschen aus Hannover waren in diesem Transport. Drei Tage mussten sie in Viehwaggons ausharren. Dann trafen sie in Riga ein.

 

Gretes Mann, Alfred Ehrlich, war einer der wenigen Überlebenden und schrieb nach dem Krieg seine Erinnerungen an das Ghetto auf. Aus Alfred Ehrliche Erinnerungen „12 Jahre nazistische Schreckensjahre“:

  „Das Ghetto, welches ein mit doppeltem Stacheldraht umsäumtes Stadtviertel war, war mit ca. 14.000 Juden belegt, davon ca. 8.000 deutsche, österreichische, tschechische Juden, welche den einen Teil des Ghettos bewohnten, und ca. 6.000 lettische Juden, welche den anderen Teil bewohnten

 

Von Riga wurde Herta mit ihrer Mutter Else am 1. Oktober 1944 in das Konzentrationslager Stutthof deportiert.

 

Ein Auszug aus dem am 11. April 2015 erschienenen Artikel "Morden bis zum Ende" von Stefan Hördler in "Zeit online" vermittelt einen Eindruck davon, wie es Herta und anderen Juden in jenen Tagen erging:

  „… Zu den ersten Lagern, die im Sommer 1944 vom "A-Fall", wie die kriegsbedingte Auflösung im NS-Jargon genannt wurde, betroffen waren, gehörten die Konzentrationslager Kauen, Riga und Vaivara im Baltikum. Diese Auflösung bedeutete für die Häftlinge allerdings keineswegs das Ende ihrer Qualen, wie das Beispiel Riga zeigt: Die arbeitsunfähigen, älteren oder erkrankten Insassen ließ der Kommandant des KZs, Albert Sauer, zum "Stützpunkt 1005" in Salaspils oder zu einer "Baustelle" bringen. Dabei handelte es sich um Massengräber, an denen das SS-Sonderkommando 1005 unter der Leitung von SS-Standartenführer Paul Blobel sogenannte "Enterdungen" durchführte – die Exhumierung von Leichen. Die SS wollte so die Spur ihrer Bluttaten verwischen. Das Sonderkommando 1005-B erschoss die Rigaer KZ-Häftlinge unmittelbar am Rand der geöffneten Massengräber. Anschließend wurden die Toten zusammen mit den exhumierten Leichen verbrannt. Die anderen Gefangenen wurden in das KZ Stutthof nahe Danzig weitertransportiert, das als zentrales Auffanglager für die Häftlinge aus dem Baltikum diente. Arbeitsfähige Häftlinge – bei den jüdischen Gefangenen handelte es sich in der Mehrzahl um Frauen – wurden von dort in Außenlager im gesamten Reichsgebiet verschoben. Wer als erkrankt oder als arbeitsunfähig eingestuft wurde, den ließ die KZ-Leitung ermorden. Stutthof bildete in diesem Gefüge eine Art Scharnier zwischen den ersten Lagerauflösungen in den besetzten Ostgebieten und der Reorganisation der Lager im Deutschen Reich, wohin die SS die "evakuierten" Häftlinge verfrachtete. Die Krankenmorde waren dabei ein Vorbote der Ereignisse im späteren Sterbelager Bergen-Belsen – Anfang Januar 1945 kamen in Stutthof fast 250 Menschen täglich ums Leben …“

 

Dort, in Stutthoff, wurde Herta Busack ermordet. Ihr Todestag ist unbekannt.

Wer in Hannover das Mahnmal für die ermordeten Juden der Stadt besucht, kann auch Hertas Namen dort finden.


In Bad Rehburg, vor dem Haus mit der Anschrift „Alte Poststraße 13“ haben wir im November 2019 Stolpersteine für Herta, ihre Mutter Else und ihren Vater Erich verlegen lassen. Paulas Sohn Kurt und ihr Enkel Samuel sind aus England angereist, um bei der Verlegung dabei sein zu können. Die Patenschaft für Hertas Stolperstein haben ehemalige Schüler der Rehburger Wilhelm-Busch-Schule übernommen. Sie haben den Stolperstein von dem Geld finanziert, das sie 2018 bekommen haben, als ihnen der Elisabeth-Weinberg-Preis verliehen wurde.

Quellen:

- Website www.juedisches-leben.kommunalarchiv-minden.de

- Broschüre über das Schicksal der Familie Ehrlich mit dem Titel „… dass dieses sich nie wiederholen möge -
  12 Jahre nazistische Schreckensjahre – Die Erinnerungen Alfred Ehrlichs“, Hans-Joachim Karrasch

- Melderegister Gemeinde Hagenburg

- Melderegister Gemeinde Bad Rehburg

- Zeitzeugen, hinterlassene Briefe

- Bundesarchiv, Gedenkbuch

- Buch der Erinnerung: Die ins Baltikum deportierten deutschen Juden, Seite 778

- Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen, Band II

- „Zeit online“, 11.04.2015, Artikel „Morden bis zum Ende“ von Stefan Hördler

 

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