Gerda Irmgard Freundlich, * 1933

Am 28. März 1942 über Ahlem nach Warschau deportiert
Todestag unbekannt
 
Stolperstein:
Alte Poststraße 13, Bad Rehburg

Familie:

 

Gerda Irmgard Freundlich wurde am 28. Januar 1933 in Bad Rehburg als Tochter von Else und Siegmund Freundlich geboren. Sie war das Nesthäkchen der Familie. Mit Werner, Paula, Kurt, Heinz Wolfgang und Gerda Irmgard hatte sie fünf ältere Geschwister.
In der Alten Poststraße 13 in Bad Rehburg hatten die Eltern ihrer Mutter bereits gelebt. Ihre Eltern waren 1925 dorthin gezogen.  
Am 28. März 1942 wurde die Familie zunächst in das Sammellager Ahlem und von dort in das Ghetto Warschau deportiert. Lediglich Ruths Schwester Paula entging der Deportation, da ihre Familie sie Anfang 1939 mit einem Kindertransport nach England schickte. Ruth Ilse wurde ebenso wie ihre Eltern und die weiteren vier Geschwister ermordet. Ihr Todestag ist unbekannt. Wir gehen davon aus, dass sie ihren sechsten Geburtstag nicht erlebt hat.


Das Foto zeigt Gerda Irmgard gemeinsam mit ihrer vier jüngeren Schwester Ruth.

Erinnerungen und Schicksal:

 

Dass auch die Kinder den Judenstern tragen müssen!“ Dieser Satz von Else Freundlich, Gerdas Mutter, steht auf einer der Tafeln unserer Ausstellung. Darauf ist die Silhouette der weinenden Else zu sehen.

 

Handel mit Juden war den Geschäftsleuten und Handwerkern durch die Nazis verboten. Viele hielten sich daran. Andere setzten sich darüber hinweg. Friederich Bultmann, Schuster in Münchehagen, reparierte dennoch - auch nach dem Verbot - die Schuhe für die Bad Rehburger Familie Freundlich. Nachdem der Ortsgruppenleiter der NSDAP ihm allerdings als Drohung die Frage gestellt hatte, ob er auch da hinkommen wolle, „wo die anderen landen“, ging Else Freundlich nur noch nach Einbruch der Dunkelheit zu dem Schuster.

 

Willi Bultmann, der Sohn dieses Schusters, erinnert sich noch genau an einen Abend im Herbst 1941. Else Freundlich brachte Schuhe zu ihnen nach Hause. In der Diele wurde sie von Willi Bultmanns Mutter gefragt, wie es ihr denn so gehe. Else Freundlich brach daraufhin in Tränen aus und sagte: „Dass auch die Kinder nun einen Judenstern an der Jacke tragen müssen.“

Das Tragen des so genannten ‚Judensterns’ wurde für alle Juden ab sechs Jahren mit Datum vom 1. September 1941 verpflichtend. Das bedeutete, dass nicht nur Gerdas Eltern und ihre älteren Geschwister Werner, Heinz Wolfgang und Kurt den gelben Stern an ihrer Kleidung haben mussten, sondern auch die damals achtjährige Gerda.

 

Ein kurzer Brief, den Gerdas Mutter 1940 an ihre Tochter Paula schrieb, sagt uns, dass Gerda ab dem 31. März 1940 die Israelitische Gartenbauschule Ahlem besuchte. Eine reguläre Schule, wie es sie in Bad Rehburg damals gab, durfte Gerda niemals besuchen. Kurz nach der Pogromnacht vom 9. November 1938 hatten die Nazis erlassen, dass allen jüdischen Schülern der Schulbesuch verwehrt ist. Sie durften nur noch in jüdischen Schulen unterrichtet werden. Die nächstgelegene Schule für Gerda und ihre älteren Geschwister war in Ahlem – rund 40 Kilometer entfernt.

 

Von einer weiteren Nachricht erzählte uns Gerdas Schwester Paula. Das Telegramm, das das letzte Lebenszeichen von ihrer Familie war, ist im Laufe der Jahre verloren gegangen – Paulas Erinnerung daran aber nicht. Paulas Vater Siegmund schrieb ihr darin, dass sie auf dem Weg nach Polen seien – er gemeinsam mit den drei Söhnen, ihre Mutter zusammen mit den zwei Töchtern.

 

Am 28. März 1942 war die Familie Freundlich mit einem Bus aus Bad Rehburg abgeholt worden. Zum ‚Arbeitseinsatz nach Polen’ sollte es gehen. Drei Tage zuvor hatten sie mitgeteilt bekommen, was das wenige war, das sie mitnehmen durften. Zunächst wurde die Familie zur Israelitischen Gartenbauschule in Ahlem gebracht, die nun als Sammellager diente. Einige der Kinder der Freundlichs waren dort zuvor zur Schule gegangen. Wiederum drei Tage später wurden sie zum Bahnhof nach Hannover gebracht – die Reise in das Ghetto Warschau begann.

 

Rund drei Monate später begann die SS mit der Räumung dieses Ghettos und dem Transport der Menschen, die in ihm lebten, in das nun fertig gestellte Vernichtungslager Treblinka II, ca. 80 km nordöstlich von Warschau. Wahrscheinlich wurden Gerda, ihre Eltern und ihre vier Geschwister dort sofort nach dem Eintreffen in einer Gaskammer mit Kohlenmonoxyd ermordet.

 

Lediglich Kurt, das drittälteste der Kinder, könnte der Ermordung noch ein wenig länger entgangen sein. Kurts Tante Clara Löwenstein, die in Köln lebte, schrieb am 28. November 1943 an Paula, dass die Adresse ihrer Eltern und Geschwister ihr unbekannt sei. „Nur Kurt schreibt, er arbeitet in Warschau in einer Fabrik.

Quellen:

Gerd-Jürgen Groß, ‚Sie lebten nebenan’, Erinnerungsbuch für die während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft 1933 – 1945 deportierten und ermordeten jüdischen Frauen, Männer und Kinder aus dem Landkreis Nienburg/Weser sowie Auszüge aus Groß Vortrag ‚Transportiert und deportiert’.

Hinterlassene Unterlagen von Heinz Hortian, Rehburg

Unterlagen Paula Calder, geb. Freundlich

Kreisarchiv Nienburg

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