Siegmund Freundlich, * 1890

Am 28. März 1942 über Ahlem nach Warschau deportiert
Todestag unbekannt
 
Stolperstein:
Alte Poststraße 13, Bad Rehburg

Verlobungsfoto von Siegmund Freundlich und seiner späteren Frau Else.
Verlobungsfoto von Siegmund Freundlich und seiner späteren Frau Else.
Familie:

 

Siegmund Freundlich wurde am 10. Oktober 1890 in Kölpin, in der damaligen Provinz Westpreußen mit Danzig als Hauptstadt, geboren. Im Jahre1920 heiratete Siegmund in Bad Rehburg seine Frau Else, geborene Löwenstein. Das Ehepaar zog unmittelbar nach der Hochzeit nach Landeck in Westpreußen, in die Nähe des Geburtsortes von Siegmund. Dort wurde auch sein erster Sohn Werner am 2. August 1922 geboren.

 

Nach zirka vier Jahren kehrte die Familie 1925 nach Bad Rehburg zurück. Dort arbeitete Siegmund als Lederhändler wie auch sein Schwiegervater Julius Löwenstein, in dessen Haus die Familie gezogen war. In diesem Haus wurden Siegmund und Else Freundlichs fünf weitere Kinder geboren.

 

1925 kam Paula zur Welt, 1927 Kurt. Heinz Wolfgang wurde 1929 geboren, Gerda Irmgard 1933 und das Nesthäkchen Ruth Ilse im Jahr 1937.
Bereits 1930 starb Siegmunds Schwiegervater Julius Löwenstein, 1935 seine Schwiegermutter Ida Löwenstein.

 

Von diesem Zeitpunkt an lebte die Familie allein in dem Haus in der Alten Poststraße 13, von wo sie am 28. März 1942 zunächst in das Sammellager Ahlem und von dort in das Ghetto Warschau deportiert wurde. Lediglich Tochter Paula entging der Deportation, da ihre Familie sie Anfang 1939 mit einem Kindertransport nach England schickte. Siegmund, seine Frau Else und die Kinder Werner, Kurt, Heinz Wolfgang, Gerda Irmgard und Ruth Ilse wurden ermordet. Ihre Todestage sind unbekannt.

Erinnerungen und Schicksal:


Als Lederhändler hat Siegmund Freundlich gearbeitet – das ist uns erzählt worden. Ebenfalls haben uns ältere Menschen aus unserer Stadt berichtet, dass er irgendwann während des Nazi-Regimes zur Arbeit in einem Steinbruch in Münchehagen gezwungen wurde.


Eine eindringliche und anschauliche Erinnerung an Siegmund Freundlich hat uns Willi Bultmann, Sohn des Münchehäger Schusters und Jahrgang 1927, erzählt:
„Herr Freundlich war Tierhändler für Kleintiere, hauptsächlich Ziegen. Ich erinnere mich noch, wie er mit seinem Fahrrad mit Hilfsmotor, dahinter mit einem kleinen zweirädrigen Wagen, eine angebundene Ziege an den Schlachter in Münchehagen lieferte. Die Schlachterei lag gleich hinter der Schule. Wir hatten gerade Pause. Während Siegmund Freundlich noch mit dem Schlachter verhandelte, rief einer von uns Schülern: „Der Jude ist wieder da!“ Dann drehte er die Ventile aus dem Fahrrad und warf sie weit weg. Ich war damals vielleicht zehn oder elf Jahre alt. Ich kann mich nicht erinnern, dass ein Lehrer oder Schüler eingegriffen hätte.“

Weitere Erinnerungen an Siegmund Freundlich hat uns seine Tochter Paula gegeben, die als einzige aus der Familie überlebte, weil ihre Eltern sie Anfang 1939 mit einem Kindertransport nach England schickten.
 
Die Entscheidung von Siegmund und Else, einen Rettungsversuch für ihre Kinder zu starten, muss wohl in den Tagen nach der Pogromnacht gefallen sein. Zwar wurde Siegmund – der einzige erwachsene männliche Jude in Bad Rehburg – nicht wie die Juden aus dem benachbarten Rehburg in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert. Die Ereignisse der Pogromnacht haben ihn und seine Frau aber vermutlich zu der Überzeugung gebracht, dass sie, wenn schon nicht sich selbst, dann zumindest ihre Kinder retten wollten.
Weshalb Siegmund nicht nach Buchenwald kam und ob womöglich auch das Haus der Familie Freundlich der Durchsuchung durch die SA entging, wissen wir nicht.
Was wir wissen ist, dass der Antrag der Familie, ihre Kinder nach England bringen zu lassen, für ihre Tochter Paula bewilligt wurde.
Paula erinnert sich noch daran, wie ihre Mutter sie nach Hannover brachte – im Januar 1939. Sie übernachteten bei ihrer Tante. Ihr Vater kam am nächsten Tag nach Hannover, gemeinsam brachten die Eltern ihre Tochter zum Zug. Es sollte ein Abschied für immer sein. Paula hat ihre Eltern und Geschwister danach nie wieder gesehen.
 
Vereinzelt gelang es den Eltern, Paula Telegramme über das Schweizerische Rote Kreuz zukommen zu lassen, die aber oft lange unterwegs waren, bevor sie die Tochter erreichten.
Dass sie drei Briefe von Paula erhalten haben, schreibt Siegmund ihr am 1. März 1942. Allen gehe es gut. Heinz und Gerda würden eine Schule bei Hildesheim besuchen. Kurt sei in Bad Rehburg und die kleine Ruth gewachsen. Ihre Tante Jenny sei mit ihrer Familie verreist. Was Siegmund Paula nicht schrieb, um Paula wohl zu schonen: Tante Jenny war bereits deportiert worden.
Da das Telegramm maximal 25 Worte enthalten durfte, endete er knapp, aber herzlich mit ‚Grüße Küsse’.
Von einer weiteren Nachricht mit 25 Worten erzählte uns Paula. Dieses Telegramm ist im Laufe der Jahre verloren gegangen – Paulas Erinnerung daran aber nicht. Es sollte das letzte Lebenszeichen sein, das sie von ihrer Familie bekam. Siegmund schrieb ihr, dass sie auf dem Weg nach Polen seien – er gemeinsam mit den drei Söhnen, ihre Mutter zusammen mit den zwei Töchtern.

Am 28. März 1942 war die Familie Freundlich mit einem Bus aus Bad Rehburg abgeholt worden. Zum ‚Arbeitseinsatz nach Polen’ sollte es gehen. Drei Tage zuvor hatten sie mitgeteilt bekommen, was das wenige war, das sie mitnehmen durften. Zunächst wurde die Familie zur Israelitischen Gartenbauschule in Ahlem gebracht, die nun als Sammellager diente. Einige der Kinder der Freundlichs waren dort zuvor zur Schule gegangen. Wiederum drei Tage später wurden sie zum Bahnhof nach Hannover gebracht – die Reise in das Ghetto Warschau begann.
 
Rund drei Monate später begann die SS mit der Räumung des Ghettos und dem Transport der Menschen in Güterwaggons in das nun fertig gestellte Vernichtungslager Treblinka II, ca. 80 km nordöstlich von Warschau.
Wahrscheinlich wurden Siegmund, Else und die fünf Kinder, die bei ihnen waren, dort sofort nach dem Eintreffen in einer Gaskammer mit Kohlenmonoxyd ermordet.
 
Lediglich Kurt, das drittälteste der Kinder, könnte der Ermordung noch ein wenig länger entgangen sein. Kurts Tante Clara Löwenstein, die in Köln lebte, schrieb am 28. November 1943 an Paula, dass die Adresse ihrer Eltern und Geschwister ihr unbekannt sei. „Nur Kurt schreibt, er arbeitet in Warschau in einer Fabrik.“

Quellen:

Gerd-Jürgen Groß, ‚Sie lebten nebenan’, Erinnerungsbuch für die während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft 1933 – 1945 deportierten und ermordeten jüdischen Frauen, Männer und Kinder aus dem Landkreis Nienburg/Weser sowie Auszüge aus Groß Vortrag ‚Transportiert und deportiert’.

Hinterlassene Unterlagen von Heinz Hortian, Rehburg

Unterlagen Paula Calder, geb. Freundlich

Kreisarchiv Nienburg

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