Paula Freundlich, * 1925

Am 5. Januar 1939 mit einem Kindertransport nach England geflohen

Überlebt

 

Stolperstein:

Alte Poststraße 13, Bad Rehburg

Familie:

 

Paula Freundlich wurde am 4. November 1925 in Bad Rehburg als Tochter des jüdischen Ehepaars Else und Siegmund Freundlich geboren. Sie war das zweite Kind der Familie. Mit Werner, Kurt, Heinz Wolfgang, Gerda und Nesthäkchen Ruth Ilse hatte sie fünf Geschwister.


In der Alten Poststraße 13 in Bad Rehburg hatten die Eltern ihrer Mutter bereits gelebt. Ihre Eltern waren 1925 dorthin gezogen. 
Paula überlebte den Holocaust als einzige der Familie, weil sie am 5. Januar 1939 mit einem Kindertransport nach Großbritannien kam.
Ihre Familie wurde am 28. März 1942 in das Sammellager Ahlem und von dort in das Ghetto Warschau deportiert. Alle Familienmitglieder wurden ermordet, ihre Todestage sind unbekannt.

Oben auf dieser Seite ist eine Seite des Kinderausweises zu sehen, der vom Nienburger Landrat am 30. Dezember 1938 für Paula ausgestellt wurde – wenige Tage vor ihrer Abreise nach England.

Erinnerungen und Schicksal:

 

Die Entscheidung von Siegmund und Else Freundlich, einen Rettungsversuch für ihre Kinder zu starten, muss wohl in den Tagen nach der Pogromnacht vom November 1938 gefallen sein.
Rettung versprachen damals die so genannten Kindertransporte. Nach der Pogromnacht wurde auch den Menschen im Ausland klar, dass die Lage in Deutschland für die Juden nicht nur schwierig, sondern sehr gefährlich war. Einflussreiche Juden in Großbritannien sprachen daraufhin bei ihrer Regierung vor und baten darum, dass Juden aus Deutschland in Großbritannien aufgenommen werden dürften.
Die Regierung willigte schließlich ein, 5.000 jüdische Kinder einreisen zu lassen. Wenig später wurde die Zahl auf 10.000 Kinder erhöht. Daraufhin konnten Familien in Deutschland Anträge bei ihren jeweiligen Gemeinden auf Ausreise ihrer Kinder stellen. Die Flut der Anträge war jedoch wesentlich größer als das zugebilligte Kontingent, so dass die jüdischen Gemeinden in Deutschland ein Auswahlverfahren für die Kinder treffen mussten.

Aus der Familie Freundlich bekam lediglich Paula die Zusage, nach England reisen zu dürfen. Weshalb die Wahl auf Paula – damals 13 Jahre alt – fiel, wissen wir nicht und auch Paula selbst konnte uns diese Frage nicht beantworten. Was sie uns erzählte war, dass wenige Tage, bevor sie nach England fuhr, der Religionslehrer aus der jüdischen Gemeinde Rehburg, Siegmund Stern, zu ihr kam und sie auf ihren Aufenthalt in dem fremden Land vorbereitete, indem er ihr Verhaltensregeln mit auf den Weg gab.

Paula erinnert sich noch daran, wie ihre Mutter sie nach Hannover brachte – im Januar 1939. Sie übernachteten bei ihrer Tante. Ihr Vater kam am nächsten Tag nach Hannover, gemeinsam brachten die Eltern ihre Tochter zum Bahnhof. Auf den Bahnsteig durften die Eltern ihre Kinder nicht begleiten. Abschiedsszenen sollten so vermieden werden. Paula hat ihre Eltern und Geschwister danach nie wieder gesehen.


Nur wenig durften die Kinder mitnehmen: einen Koffer, etwas Kleidung – Spielsachen sollten nicht in dem Koffer sein und auch lediglich eine einzige Fotografie war ihnen gestattet. Mit diesem wenigen ausgestattet saß Paula in dem Zug und fuhr einer ungewissen Zukunft in einem Land, dessen Sprache sie nicht sprach und wo sie niemanden kannte, entgegen. Zunächst fuhr der Zug in Richtung Niederlande. Ihre Erinnerungen hat Paula hier aufgeschrieben:

„Die Mädchen fuhren in einem Wagen und die Jungens hinten in einem anderen sehr kalten Wagen. Die Juden durften keine Heizung haben. Für uns Madchen war es nicht ganz so schlimm, obwohl es sehr kalt war. Unser Wagen war vorher benutzt worden und hatte noch ein wenig Wärme. Als wir in Holland angekommen sind, war alles anders. Es gab viele Leute an den verschiedenen Bahnhöfen, wenn der Zug ankam. Sie wollten uns alle begrüßen and haben uns Süßigkeiten geschenkt und auch Postkarten, so das wir an unsere Eltern schreiben konnten. Das war alles so fremd für uns: dass auch gute Menschen in der Welt sind, vor denen wir keine Angst haben müssen.
Dann sind wir mit dem Schiff nach Harwich in England gebracht worden, wo ich für eine kurze Zeit mit anderen Flüchtlingen in einem Camp wohnte.
Danach wurde ich nach Coventry zu einer Familie gebracht, in der ich wohnte, bis ich in die Armee ging.“


Paula lernte in der Armee, wo sie arbeitete, ihren Mann kennen. Sie heiratete und trägt seitdem den Nachnamen Calder. Vier Kinder bekam das Ehepaar: Michael, Christine, Kurt und Paul. Michael starb 2007 bei einem Autounfall und auch Paulas Mann ist verstorben. Ihre übrigen drei Kinder und drei ihrer Enkel sind gemeinsam mit Paula zur Verlegung der Stolpersteine am 4. Oktober 2014 für ihre Familie und für sie nach Bad Rehburg gekommen.


Paulas Sohn Kurt trägt den Nachnamen Calder-Freundlich. Er wollte, dass der Mädchenname seiner Mutter erhalten bleibt.

 

Ihre Kindheit in Bad Rehburg sei sehr glücklich gewesen, schreibt Paula. Die Art und Weise, wie sie als Juden behandelt wurden, habe sie aber als sehr beängstigend empfunden. Immer sei sie nervös geworden, wenn ihr jemand nahe kam. 
Herr Dreier, der Lehrer in ihrer Schule in Bad Rehburg, sei ein sehr grausamer Mann gewesen. An den meisten Tagen habe er ihre Brüder mit einem Stock verprügelt. Sei der zerbrochen, habe er sie losgeschickt, einen neuen Stock zu holen.

“There are not many good memories I have from Bad-Rehburg. The worst is that I left all my Family there and then never saw them again.” – Es sind nicht viele gute Erinnerungen an Bad Rehburg, schreibt Paula. Das Schlimmste sei aber, dass sie ihre ganze Familie verloren und sie niemals wieder gesehen habe.


Von einer Nachricht mit 25 Worten erzählte uns Paula schließlich noch. Das Telegramm, das das letzte Lebenszeichen von ihrer Familie war, ist im Laufe der Jahre verloren gegangen – Paulas Erinnerung daran aber nicht. Paulas Vater Siegmund schrieb ihr darin, dass sie auf dem Weg nach Polen seien – er gemeinsam mit den drei Söhnen, ihre Mutter zusammen mit den zwei Töchtern.
Paula schreibt dazu: „Nachdem das Telegramm von meinem Vater ankam, wollte ich kein Deutsch lesen oder sprechen und wollte nur alles, was Deutsch war, vergessen.“

Am 28. März 1942 war die Familie Freundlich mit einem Bus aus Bad Rehburg abgeholt worden. Zum ‚Arbeitseinsatz nach Polen’ sollte es gehen. Drei Tage zuvor hatten sie mitgeteilt bekommen, was das wenige war, das sie mitnehmen durften. Zunächst wurde die Familie zur Israelitischen Gartenbauschule in Ahlem gebracht, die nun als Sammellager diente. Einige der Kinder der Freundlichs waren dort zuvor zur Schule gegangen. Wiederum drei Tage später wurden sie zum Bahnhof nach Hannover gebracht – die Reise in das Ghetto Warschau begann.

Rund drei Monate später begann die SS mit der Räumung dieses Ghettos und dem Transport der Menschen, die in ihm lebten, in das nun fertig gestellte Vernichtungslager Treblinka II, ca. 80 km nordöstlich von Warschau. Wahrscheinlich wurden Else, Siegmund und die fünf Kinder, die bei ihnen waren, dort sofort nach dem Eintreffen in einer Gaskammer mit Kohlenmonoxyd ermordet.

Lediglich Kurt, das drittälteste der Kinder, könnte der Ermordung noch ein wenig länger entgangen sein. Kurts Tante Clara Löwenstein, die in Köln lebte, schrieb am 28. November 1943 an Paula, dass die Adresse ihrer Eltern und Geschwister ihr unbekannt sei. „Nur Kurt schreibt, er arbeitet in Warschau in einer Fabrik.

Quellen:

Gerd-Jürgen Groß, ‚Sie lebten nebenan’, Erinnerungsbuch für die während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft 1933 – 1945 deportierten und ermordeten jüdischen Frauen, Männer und Kinder aus dem Landkreis Nienburg/Weser sowie Auszüge aus Groß Vortrag ‚Transportiert und deportiert’.

Hinterlassene Unterlagen von Heinz Hortian, Rehburg

Unterlagen Paula Calder, geb. Freundlich

Kreisarchiv Nienburg

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